Aktionstag für Angehörige
Im Vorfeld des nationalen Aktionstages für pflegende Angehörige am Sonntag haben sich zahlreiche Organisationen mit Forderungen an die Politik vor allem nach einem Ausbau der mobilen Pflege gewandt. Pflegende Angehörige seien oft am Limit, hieß es dazu am Samstag in Presseaussendungen, sie dürften mit ihrer Situation nicht allein gelassen werden. Eine besondere Herausforderung seien Krisensituationen.
Online seit gestern, 23.56 Uhr
Zu Wort meldeten sich die Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger (IG Pflege), Seniorenverbände und Gewerkschafter, Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) strich hervor, pflegende Angehörige leisteten „jeden Tag Enormes“. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) forderte eine „wirksame Entlastung“ von pflegenden Angehörigen und „deutlich mehr Unterstützung“ für Menschen, die sich um Familienmitglieder kümmerten.
Rund 950.000 Menschen in Österreich würden diese Verantwortung tragen, die Pflege erfolge dabei überwiegend durch Frauen. „Pflegende Angehörige in Österreich leisten Unglaubliches – oft still, oft unbezahlt, oft am Limit ihrer eigenen Gesundheit. Das System ist auf sie angewiesen. Es wird Zeit, dass sie selbst stärker im Mittelpunkt von Politik und Gesellschaft stehen“, so ÖGB-Pflegeexpertin Martina Lackner in einer Aussendung.
„Wir brauchen verlässliche Entlastung“
Besonders zu Beginn einer Pflegesituation würden berufstätige Angehörige stark unter Druck geraten. „Pflege, Beruf, Haushalt und Familie gleichzeitig zu organisieren führt häufig zu Überforderung.“ Laut dem Bericht „Angehörigenpflege“ im Auftrag des Sozialministeriums fühlen sich rund 70 Prozent der pflegenden Angehörigen überlastet.
„Pflege darf nicht dazu führen, dass Menschen ihre Erwerbsarbeit einschränken, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen oder völlig allein gelassen werden“, betonte Lackner. „Wir brauchen verlässliche und leistbare Entlastung genau dann, wenn sie gebraucht wird – auch abends, in der Nacht und am Wochenende.“
Auch Seniorenverbände sehen Politik gefordert
Auch Seniorenorganisationen sehen die Politik gefordert. Die Präsidentin des ÖVP-nahen Seniorenbundes, Ingrid Korosec, sagte laut einer Aussendung, emotionale Anerkennung reiche nicht: „Es muss auch finanzielle Wertschätzung geben. Ich fordere daher weiterhin, dass es den Angehörigenbonus nicht erst ab Pflegegeldstufe vier, sondern ab Pflegestufe drei gibt.“
Die „enorme Leistung“ der pflegenden Angehörigen würdigte auch die Präsidentin des SPÖ-nahen Pensionistenverbands Österreich (PVÖ), Birgit Gerstorfer. Rund eine Million An- und Zugehörige würden einen wesentlichen Teil der Betreuung und Pflege im häuslichen Umfeld übernehmen. „Pflegende Angehörige leisten oft über Jahre hinweg körperlich und emotional enorm viel.“ Dafür würden sie nicht nur Dank, sondern „konkrete und verlässliche Unterstützung“ verdienen, betonte Gerstorfer.
Der PVÖ fordert unter anderem einen flächendeckenden Ausbau mobiler Pflege- und Betreuungsdienste, mehr finanziell tragbare Tages- und Kurzzeitpflege, wohnortnahe Beratungsangebote, eine bessere sozial- und pensionsrechtliche Absicherung von Pflegezeiten sowie ebenfalls Verbesserungen beim Angehörigenbonus. Ebenfalls müsse es einen Rechtsanspruch auf regelmäßige Entlastungstage für pflegende Angehörige geben.
Schumann: „Pflege geht uns alle an“
Auch Sozialministerin Schumann würdigte die Betroffenen: „Familien leisten jeden Tag Enormes – und das gilt ganz besonders für jene, die Angehörige pflegen oder betreuen. Dafür möchte ich heute einfach Danke sagen“, erklärte sie in einer Stellungnahme gegenüber der APA. Sie betonte, dass auch Kinder und Jugendliche oft Verantwortung in ihren Familien übernehmen. „Diese ‚Young Carers‘ verdienen unsere Aufmerksamkeit, Anerkennung und Unterstützung.“
„Wir haben deswegen 100 Millionen zusätzlich pro Jahr für die mobile Pflege auf den Weg gebracht. Die mobile Pflege ist eine wichtige Säule im System, die auch wertvolle Unterstützung bei der Pflege und Betreuung zu Hause ist und Angehörige unterstützt“, so Schumann. Ihr sei es aber auch wichtig, „dass wir als Gesellschaft hinschauen, Betroffene nicht alleine lassen und gemeinsam daran arbeiten, dass Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird“. Denn Pflege „geht uns alle an“.
Fokus auf Pflege in Ausnahmesituationen
Die IG Pflege setzte den Fokus am Samstag auch auf nicht alltägliche Situationen: die Pflege in Krisen- und Katastrophenszenarien. In solchen komme Angehörigen die Rolle wichtiger Unterstützer und Unterstützerinnen für Pflegebedürftige zu, sie stünden in solchen Fällen vor besonderen Herausforderungen.
„Wir haben bereits 2025 begonnen, uns mit der Frage auseinanderzusetzen, wie geht das Katastrophen- und Krisenmanagement mit pflegenden Angehörigen um“, so die Präsidentin der IG, Birgit Meinhard-Schiebel, in einer Stellungnahme gegenüber der APA. Diese Frage stelle sich „besonders dann, wenn es in Akutsituationen dazu kommt, Menschen die von Demenz“ oder der Multisystemerkrankung ME/CFS betroffen seien, „rasch aus der Krisensituation zu bringen“ – etwa bei Evakuierungen.
Angehörige müssen „unbedingt einbezogen werden“
In solchen Situationen müssten pflegende Angehörige „unbedingt einbezogen werden, weil sie die tatsächliche Situation der Betroffenen kennen und dafür sorgen, dass eine notwendige Bergungs- oder Verlegungsaktion bei den betroffenen Menschen keine dramatische Krise auslöst“, verwies Meinhard-Schiebel auf die besonderen Bedürfnisse der Betroffenen.
Deshalb habe man heuer den achten nationalen Aktionstag am Sonntag dem Thema „Wenn die Welt aus den Fugen gerät – pflegende Angehörige und Zugehörige im Katastrophen- und Krisenmanagement“ gewidmet. „Wir wissen, dass auch das Sozialministerium uns dabei unterstützt,“, so Meinhard-Schiebel. Die IG mache auf das Thema mit 50.000 versendeten Aktionskarten aufmerksam.