Hintergrund
Sachsen-Anhalt vor der Wahl Ein Land, viele Baustellen - und einige Chancen
Stand: 04.09.2026 • 08:30 Uhr
Sachsen-Anhalt steht vor Problemen, die viele Regionen Deutschlands kennen: Die Bevölkerung altert, Fachkräfte fehlen, die Wirtschaft muss sich neu erfinden. Zugleich gibt es Entwicklungen, die Hoffnung machen. Ein Blick auf Zahlen und Daten vor der Wahl.
Die bevorstehende Landtagswahl lenkt den Blick auf Sachsen-Anhalt - und auf Probleme, die auch andere Regionen Deutschlands treffen.
Älteste Bevölkerung
Eines davon ist der demografische Wandel. In keinem anderen Bundesland ist der Altersdurchschnitt so hoch wie hier. Er liegt bei 48,3 Jahren - im Bundesdurchschnitt sind es 44,9 Jahre. Und die Bevölkerung wird weiter altern: Bis 2040 könnte das Durchschnittsalter auf 49,9 Jahre steigen.
Ursache sind die niedrige Geburtenrate und Abwanderung. Seit der Wiedervereinigung ist die Bevölkerung um rund ein Viertel geschrumpft. Viele junge Menschen, vor allem gut ausgebildete Frauen, ziehen weg. Bis 2031 könnte die Einwohnerzahl nach Schätzung des Statistischen Bundesamts unter die Zwei-Millionen-Marke fallen, obwohl in den vergangenen Jahren wieder mehr Menschen zu- als weggezogen sind.
Schon jetzt hat der Bevölkerungsrückgang Konsequenzen für Arbeitsmarkt, Infrastruktur und den Alltag der Menschen.
Viel Land, wenige Menschen
2,12 Millionen Menschen leben in Sachsen-Anhalt. Ein Viertel der Bevölkerung konzentriert sich auf Magdeburg, Halle (Saale) und Dessau-Roßlau. Gleichzeitig ist das Land dünn besiedelt: Im Durchschnitt leben 104 Menschen auf einem Quadratkilometer, im Bundesdurchschnitt sind es rund 234. Nur Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind weniger dicht besiedelt.
Die Folge: In kleineren Orten wird es schwieriger, Supermärkte, Arztpraxen und kulturelle Angebote zu halten. Gleichzeitig fehlt Personal. Der Fachkräftemangel ist - wie in ganz Deutschland - ein großes Thema.
| Stadt/Gemeinde | Einwohnerzahl | |
|---|---|---|
| 1. Magdeburg | 244.494 | |
| 2. Halle (Saale) | 226.186 | |
| 3. Dessau-Roßlau | 75.035 | |
| 4. Lutherstadt Wittenberg | 44.937 | |
| 5. Stendal | 37.750 | |
| 6. Weißenfels | 37.308 | |
| 7. Halberstadt | 36.615 | |
| 8. Bitterfeld-Wolfen | 36.186 | |
| 9. Merseburg | 34.491 | |
| 10. Wernigerode | 31.835 |
Zuwanderung für den Arbeitsmarkt wichtig
Migration/Integration ist mit Abstand das wichtigste Wahlthema. Dabei leben in Sachsen-Anhalt vergleichsweise wenige Menschen mit Migrationshintergrund: etwa elf Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, gegenüber rund 30 Prozent bundesweit.
Etwa acht Prozent der Bevölkerung in dem Flächenland sind ausländische Staatsbürger. Auch die Asylzahlen sind rückläufig. Von Januar bis Juni kamen etwa 1.000 Asylsuchende nach Sachsen-Anhalt, das sind ein Drittel weniger als im Vorjahr.
Zuwanderung kann den Rückgang der Erwerbsbevölkerung bremsen, aber nicht allein ausgleichen. Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind in Sachsen-Anhalt im Durchschnitt jünger als die übrige Bevölkerung in dem Flächenland. Auch der Anteil mit Hochschulabschluss ist im Vergleich höher: 2023 hatten fast 16 Prozent der 25- bis 64-Jährigen mit Migrationsgeschichte, die in Sachsen-Anhalt leben, einen Hochschulabschluss, gegenüber sieben Prozent bei Menschen ohne Migrationserfahrung.
Besonders sichtbar ist die Bedeutung für die medizinische Versorgung. Jeder vierte Arzt hat laut einer Umfrage des Mediendienst Integration keinen deutschen Pass. Im Altmarkkreis Salzwedel liegt der Anteil bei fast 30 Prozent. Die Ärztekammer warnt, ohne ausländische Ärzte sei eine flächendeckende Versorgung im ländlichen Raum nicht möglich.
Zuwanderung allein löst das Fachkräfteproblem dennoch nicht. Entscheidend sind auch Ausbildung, höhere Erwerbsbeteiligung und gelingende Integration. Gleichzeitig berichten Beratungsstellen von einer hohen Zahl rassistischer Angriffe. 2025 wurden in Sachsen-Anhalt nach Angaben der Mobilen Opferberatung vier bis fünf rechte Angriffe pro Woche registriert.
Bildungspolitik als Herausforderung
Auch im Bildungsbereich ist der Fachkräftemangel groß. Knapp 6.000 der 14.100 Lehrkräfte an öffentlichen Schulen sind 55 Jahre oder älter. Die Unterrichtsversorgung lag im November 2025 bei 93,7 Prozent - rechnerisch fiel damit etwa jede 16. Unterrichtsstunde aus.
Gleichzeitig muss das Land mehr junge Menschen für Ausbildung und Arbeit qualifizieren. Im Bildungsmonitor 2025 erreicht Sachsen-Anhalt bei der Schulqualität zwar einen Spitzenplatz. Gleichzeitig verließen 2024/25 insgesamt 9,3 Prozent der Abgänger die allgemeinbildenden Schulen ohne anerkannten Abschluss. Besonders groß ist der Abstand bei Schulabgängern mit ausländischer Staatsbügerschaft: 38,1 Prozent verließen die Schule ohne Abschluss, bundesweit waren es 17,8 Prozent.
Damit wird Bildung zu einer zentralen Zukunftsfrage: Wie gewinnt Sachsen-Anhalt genügend Lehrer? Und wie schafft es das Land, möglichst viele junge Menschen für Ausbildung und Arbeit zu qualifizieren?
Wirtschaft im Umbruch
Die Wirtschaft wächst wieder leicht, steht aber vor einem tiefen Strukturwandel. Im ersten Quartal 2026 stieg die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent. Gleichzeitig treffen globale Krisen das traditionell industriell geprägte Land mit seinem sogenannten Mitteldeutschen Chemiedreieck.
Unternehmen kämpfen unter anderem mit hohen Arbeits- und Energiekosten. In der Chemiebranche will laut deren Landesverband jedes zweite Unternehmen seine Investitionen in den kommenden zwei Jahren reduzieren; mehr als jedes dritte prüft Investitionen im Ausland.
Es gibt aber auch Lichtblicke. Sachsen-Anhalts spezialisierte Unternehmen konnten ihre Exporte in die USA 2025 vergleichsweise gut behaupten. Und beim Ausbau erneuerbarer Energien gehört das Land seit Jahren zu den Vorreitern: Sie decken mehr als 60 Prozent des jährlichen Bruttostromverbrauchs. Die Windenergiebranche ist ein wichtiger Arbeitgeber.
Günstig leben - aber weniger verdienen
Mit guten Gehältern kann Sachsen-Anhalt im bundesweiten Vergleich nicht punkten. Im Schnitt verdienen die Menschen mit einem Bruttojahresverdienst von 41.163 Euro weniger als in der gesamten Bundesrepublik (54.066 Euro).
Dafür müssen die Sachsen-Anhalter aber auch deutlich weniger fürs Wohnen ausgeben. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft lag das real verfügbare Einkommen je Einwohner 2023 bei rund 26.700 Euro. Das ist zwar niedriger als der bundesweite Durchschnitt von 27.600 Euro, aber höher als der Gesamtdurchschnitt in Ostdeutschland, der bei 26.100 Euro lag.
Und auch den Blick in den Westen muss das Flächenland nicht scheuen. In den Hansestädten Hamburg (26.100 Euro) und Bremen (25.100 Euro) schlagen die hohen Mieten beim real verfügbaren Einkommen zu Buche. Im Vergleich zu Sachsen-Anhalt bleibt in den beiden Städten weniger Geld zum Leben - wegen der höheren Wohnkosten.
Wohnen ist in keinem anderen deutschen Bundesland so günstig wie in dem Flächenland. Auf den Quadratmeter gerechnet sind vor allem Miet- und Eigentumswohnungen deutschlandweit am preiswertesten.
Politisch unter besonderer Beobachtung
Sachsen-Anhalt steht vor Problemen, die viele Regionen Deutschlands kennen. Diese treffen auf eine politische Stimmung, in der die AfD stark zulegt. Sie könnte bei der Landtagswahl erstmals stärkste Kraft in einem deutschen Landtag werden. Die ARD-Vorwahlumfrage sieht sie bei 42 Prozent und damit deutlich vor der CDU, die auf 22 Prozent kommt.
Für die übrigen Parteien könnte die Regierungsbildung zur schwierigen Rechenaufgabe werden. Laut Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU dürfte der Noch-Ministerpräsident Sven Schulze nicht mit der AfD und der Linkspartei koalieren. Gleichzeitig ist offen, ob es für eine CDU-geführte Regierung mit anderen Parteien reicht.
Sachsen-Anhalt könnte damit zum politischen Testfall werden: Wie weit reicht die Abgrenzung der demokratischen Parteien - und was passiert, wenn die Mehrheiten dafür nicht ausreichen?