Vor der Landtagswahl: Sachsen-Anhalt und die Tücken der Umfragen

Wahlplakate sind in Magdeburg zu sehen.

Stand: 04.09.2026 • 08:29 Uhr

In Sachsen-Anhalt lagen die Umfragen 2021 ungewöhnlich weit vom Wahlergebnis entfernt. Auch jetzt führt die AfD in Umfragen deutlich. Ein Blick auf die Faktoren, die am Sonntag noch alles verändern könnten.

Jörg Schönenborn

"Im Osten droht ein Wahlbeben, das ganz Deutschland erschüttern kann", titelte Bild Online. Die Schlagzeile klingt aktuell, ist aber fünf Jahre alt, veröffentlicht am 6. Juni 2021, dem Tag der vergangenen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die AfD könne stärkste Partei werden, hieß es. Das wäre damals eine Sensation gewesen. Es passte so gar nicht zur Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen, die die CDU kurz vor der Wahl bei sieben Punkten Vorsprung vor der AfD sah.

Bild und Spiegel hatten etwa zur selben Zeit aber plötzlich ganz andere Zahlen: Das Online-Institut Civey (CDU 29, AfD 28 Prozent) und der Bild-Partner INSA (CDU 27, AfD 26 Prozent) sahen den Vorsprung der CDU jeweils nur bei einem einzigen Punkt und ließen damit ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwarten. Die Republik war erschrocken.

Das legte sich am Wahltag. Da verstanden viele die Welt nicht mehr: Die CDU gewann mit 37,1 Prozent, die AfD fiel auf 20,8 Prozent zurück. Nie hatten Vorwahlumfragen und das Ergebnis so weit auseinandergelegen.

Kann das 2026 auch passieren?

Auch heute bewegt Sachsen-Anhalt die ganze Republik. Die AfD dürfte bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag stärkste Partei werden. Sie wird je nach Institut aktuell mit 40 bis 43 Prozent angegeben und liegt damit jeweils deutlich vor der CDU. Sollte die AfD noch etwas zulegen, könnte sie erstmals eine absolute Mehrheit der Mandate erringen. Wichtig ist aber der Konjunktiv, die Möglichkeitsform. In elf verschiedenen Umfragen seit Jahresbeginn weist keine einzige eine solche Mandatsmehrheit aus.

Kann sich das noch ändern?

Grundsätzlich schon. Auch wenn es nach den Umfragen nicht wahrscheinlich ist. Aber Umfragen sind eben keine Vorhersagen und auch gar nicht so gemeint. Sie messen die politische Stimmung zum Zeitpunkt der Befragung. Zudem haben die Zahlen eine statistische Schwankungsbreite, die einige Institute auch ausweisen. Infratest dimap gibt sie für die jüngste Sachsen-Anhalt-Umfrage mit zwei bis drei Prozentpunkten an. Das heißt: Wenn eine Partei mit 40 Prozent ausgewiesen wird, liegt sie zum Zeitpunkt der Befragung sehr wahrscheinlich zwischen 37 und 43 Prozent. Das ist ein breites Fenster.

Hinzu kommt, dass erstaunlich viele Wählerinnen und Wähler erst am Wahltag entscheiden, ob oder wen sie wählen. Differenzen zwischen Umfragen und Wahlergebnis sind also ganz normal.

Woher kamen 2021 die großen Unterschiede?

2021 in Sachsen-Anhalt war der Abstand dennoch größer als bei allen anderen Wahlen davor und danach. Die CDU hatte am Ende mehr als 16 Punkte Abstand zur AfD. Ein Trend für die CDU zeichnete sich in den Tagen vor der Wahl damals zwar ab, aber nicht in diesem Ausmaß. Bei der Forschungsgruppe Wahlen war der Vorsprung bis zum Donnerstag auf sieben Punkte gewachsen. Infratest dimap kam im Auftrag der ARD zehn Tage vor der Wahl auf vier Punkte Abstand. Die ARD verzichtet generell darauf, in der Woche der Wahl weitere Umfragen zu publizieren. Ein Grund dafür ist, dass sich Ergebnisse eben nicht vorhersagen lassen und die Messungen oft schwanken.

Stefan Merz, Senior Director Wahlen bei infratest dimap, erinnert sich: "Unsere internen Zahlen in den letzten Tagen werden zwar nicht gewichtet, aber der Trend für die CDU und gegen die AfD kurz vor der Wahl war sichtbar. Aber keineswegs so stark, wie er sich dann im Ergebnis niederschlug."

Wie die Erhebungsart mit reinspielen kann

Die beiden Umfragen von Civey und INSA, die CDU und AfD kurz vor dem Wahlsonntag 2021 noch nah beieinander gesehen hatten, passen weder mit anderen Messungen noch mit dem Ergebnis zusammen. Es muss größere methodische Probleme gegeben haben. Civey hatte nur über ein Online-Panel erhoben, bei INSA ist der Online-Anteil nicht bekannt. Reine Online-Umfragen gelten nicht als repräsentativ, weil ein Teil der Wählerschaft überrepräsentiert und ein anderer Teil von der Teilnahme ausgeschlossen ist.

Die öffentliche Wirkung war dennoch immens, die Aufmerksamkeit größer als für die anderen klassisch-repräsentativen Umfragen, aus denen sich keine Sensation ablesen ließ. Es spricht einiges dafür, dass sich diese Aufmerksamkeit auch auf manche Wahlentscheidung ausgewirkt hat. Und das Wahlergebnis ohne diese überraschenden Zahlen anders ausgesehen hätte.

Welchen Einfluss das Szenario "Wahlsieg AfD" hatte

Die Motivation, einen Wahlsieg der AfD zu verhindern, gab es nicht nur bei CDU-Anhängern. Viele, die ursprünglich eher zu SPD, FDP und Grünen tendierten, dürften der CDU die Stimme gegeben haben, auch wenn die Partei nicht ihre erste Wahl war. Begünstigt hat dies ein damals gut bewerteter Ministerpräsident Reiner Haseloff. Langjährige Amtsinhaber haben schon in einigen Bundesländern auf der Schlussgeraden mächtig Stimmen dazu gewonnen. In diesem Jahr dürfte der Amtsbonus des aktuellen CDU-Ministerpräsidenten Sven Schulze indes geringer ausfallen: Er übernahm erst im Januar von Haseloff. An dessen Zustimmungswerte vergangener Jahre kommt er nicht heran.

Der Einfluss, den die Besonderheiten in Sachsen-Anhalt haben

Was auch 2026 eine Rolle spielen könnte, sind die Besonderheiten des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Stefan Merz von infratest dimap bezeichnet das Land als "Sonderfall der Wahlforschung". Die Parteibindung sei im Osten generell geringer, die Wechselbereitschaft besonders hoch. Sachsen-Anhalt ist allerdings das Land mit der durchschnittlich geringsten Wahlbeteiligung bei Landtags- und Bundestagswahlen seit 1990. Und den größten Veränderungen zwischen den letzten Umfragen und dem Ergebnis. 2021 waren sie extrem, aber auch bei Wahlen davor deutlich.

Unwägbarkeiten bei Protestparteien

In Sachsen-Anhalt spielten rechtsgerichtete Protestparteien oft eine große Rolle. 1998 kam die DVU mit einem Last-Minute-Wahlkampf, den der Verleger Gerhard Frey finanzierte, überraschend auf 12,9 Prozent. Vier Jahre später scheiterte die Schill-Partei mit 4,5 Prozent nur knapp. 2016 kam die AfD aus dem Stand auf 24,3 Prozent, ihr bis dahin höchstes Länderergebnis.

"Protestparteien sind für uns am schwersten zu bestimmen", sagt Merz. "Wenn sie neu und plötzlich auftreten, fehlen die Erfahrungswerte." Aber auch wenn sie schon länger am Markt sind wie die AfD, wird es nicht unbedingt einfacher. Denn die AfD ist gegenüber der letzten Wahl im Land in den Umfragen so stark gewachsen, dass die Anhänger nicht berechenbarer sind als in der Gründungsphase.

Sollte das Ergebnis am Sonntag in Sachsen-Anhalt den Vorwahlumfragen sehr nahe kommen, wäre genau das also für Sachsen-Anhalt wirklich ungewöhnlich.