Von Sartre bis Dylan: Skandale um den Literaturnobelpreis, die überraschen

Sartre verschmähte ihn, Dylan beleidigte ihn: Die sieben grössten Skandale um den Literaturnobelpreis

Die Verleihung der renommierten Auszeichnung sorgte immer wieder für gute Geschichten. Ein Blick zurück.

08.10.2026, 14.15 Uhr

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Am Donnerstag wurde in Stockholm verkündet, wer den Nobelpreis für Literatur 2026 gewinnt.

Am Donnerstag wurde in Stockholm verkündet, wer den Nobelpreis für Literatur 2026 gewinnt.

Tom Little / Reuters

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1953: Winston Churchill, der Literat

Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill hatte nach dem Zweiten Weltkrieg vielleicht mit dem Friedensnobelpreis gerechnet. Schliesslich war er beim Sieg der Alliierten gegen das nationalsozialistische Deutschland eine wichtige Figur. Im Jahr 1953 gewann er stattdessen überraschend in der Sparte Literatur. Ein Mitfavorit Churchills war unter anderem der berühmte amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway.

In der Begründung aus Stockholm hiess es, der Preis werde Churchill verliehen für seine «Meisterschaft in historischer und biografischer Beschreibung sowie für seine glänzende schöpferische Kunst, mit der er hohe menschliche Werte verteidigt hat». Churchill verfasste bereits Ende 19. Jahrhundert erfolgreiche Kriegsberichte und Sachbücher. Nach 1945 verfasste er das Werk «Der Zweite Weltkrieg» in sechs Bänden.

Die NZZ schrieb zur Verleihung 1953, Churchills literarische Leistung sei stets von der aktiven politischen oder militärischen Leistung überschattet worden. Doch «wer im ersten der sechs Bände die Stelle nachliest, in der Churchill seine Berufung zum Amt des Premierministers am 10. Mai 1940 schildert, hält den Schlüssel zu Churchills Kunst in der Hand».

1964: Jean-Paul Sartre lehnt ab

Der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre erschien von 1957 an mehrfach auf der Liste der Kandidaten für die Auszeichnung, seine Qualifikation dafür wurde von der schwedischen Nobelpreis-Akademie jedoch stets angezweifelt. Dies geht aus Dokumenten von damals hervor, die erst im Jahr 2015 veröffentlicht wurden und Einblick in die Debatten um Sartre bieten. Sartres Philosophie erschien den Akademiemitgliedern offenbar als nicht solide genug. Zudem galt seine Bewunderung für einen homosexuellen Dichter als anstössig. Den Preis erhielt 1957 der französische Schriftsteller Albert Camus, mit dem sich Sartre in den Jahren zuvor zerstritten hatte.

1964 sollte es endlich so weit sein. Sartre wurde der Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Das Gremium fürchtete zwar, dass die Preisverleihung als Anerkennung seiner Philosophie angesehen werden könnte, «des etwas zweifelhaften Existenzialismus». In den veröffentlichten Dokumenten der Akademie hiess es aber auch: «Diese starke und unabhängige Persönlichkeit ist zu einem Faktor intellektueller Macht in Europa geworden, die angefochten und bewundert wird, auch wenn ihr Einfluss in den letzten Jahren zurückgegangen zu sein scheint.»

Doch Sartre lehnte ab. Seinen Entscheid begründete er damit, dass er sich nicht von einer Institution vereinnahmen lasse, weder im Osten noch im Westen.

1964 wurde Jean-Paul Sartre der Literaturnobelpreis zugesprochen, der Philosoph und Schriftsteller lehnte ab. Seit kurzem zugängliche Akten der Schwedischen Akademie erschliessen einige Hintergründe.

1989: Keine Solidarität mit Salman Rushdie

Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie ist schon oft für seine literarische und aktivistische Arbeit gepriesen und geehrt worden. Doch der Nobelpreis für Literatur fehlt in seinem Palmarès, die Schwedische Akademie wird gar kritisiert, sie habe Rushdie in den vergangenen dreissig Jahren aktiv ignoriert.

Für Unverständnis sorgte vor allem das Schweigen der Akademie, als Rushdie 1989 für sein Buch «Satanische Verse» vom iranischen Revolutionsführer Khomeiny mit einer Fatwa zum Tod verurteilt wurde. Selbst 2022, nachdem Rushdie nur knapp einen Mordanschlag überlebt hatte, sah das Komitee darin keinen Anlass, sich zu äussern und ein Zeichen für die Redefreiheit und den Schutz von Schriftstellern zu setzen.

Rushdie liess sich von den Drohungen und dem Mordversuch nicht einschüchtern und schrieb weiter. Aus Literaturkreisen wird deshalb wiederholt gefordert, Rushdie den Nobelpreis zu verleihen, als Ausdruck des Respekts.

Der britisch-indische Schriftsteller erhält einen der bedeutendsten Preise Deutschlands. Er wird mit dem Friedenspreis für seine Unerschrockenheit als Verfechter der Redefreiheit gewürdigt.

2016: Der Sänger Bob Dylan bleibt der Verleihung fern

Der amerikanische Sänger und Liedermacher Bob Dylan ist der erste Musiker, der den Nobelpreis für Literatur erhielt, im Alter von 75 Jahren. Der Preis galt der Lyrik in seinen Liedern, für die Dylan in den 1960er Jahren weltbekannt wurde. Dylans Sieg kam überraschend, der Entscheid galt als mutig.

Doch als im Dezember 2016 auf einer Bühne in Stockholm die Nobelpreise überreicht wurden, fehlte Dylan. Der Sänger hatte seine Teilnahme abgesagt, eine seltene Schmach für die prestigeträchtige Akademie. Stattdessen wurde Dylan durch die amerikanische Rocksängerin Patti Smith vertreten, die den Dylan-Song «A Hard Rain’s A-Gonna Fall» sang. Die amerikanische Botschafterin verlas Dylans Dankesrede, in der er verlauten liess: Ob es sich bei seinen Songs um Literatur handle, habe er sich nie gefragt. Er sei umso glücklicher, dass die Jury diese Frage für ihn günstig entschieden habe.

Seine Nobelpreis-Vorlesung, der traditionelle Pflichtvortrag zum Erhalt des Preisgeldes, hat Dylan als akustisches Dokument eingereicht, das Hörspielen oder Radio-Features ähnelte.

Bob Dylan lässt sich in Stockholm würdig vertreten durch  zwei Frauen: Patti Smith singt, und beim Festbankett liest die amerikanische Botschafterin in  Schweden, Azita Raji, Dylans Dankesrede vor.

2017: Der Sex- und Korruptionsskandal

Im Jahr 2018 wurde die Verleihung abgesagt. Grund dafür war ein Skandal aus dem Vorjahr. Im Zentrum standen Akademiemitglied und Lyrikerin Katarina Frostenson und deren Ehemann Jean-Claude Arnault, der mit verschiedenen Personen in der Akademie eng verbandelt war. Mehrere Frauen hatten Arnault 2017 massive sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Zudem wurde dem Paar zur Last gelegt, es habe unsaubere Finanztransaktionen getätigt und vorzeitig Namen von Nobelpreisträgern verraten.

Der Skandal legte die Machtkämpfe und Misstöne innerhalb der Akademie offen. Von einem Stockholmer Sumpf war die Rede. Frostenson und weitere Mitglieder traten zurück. Die Stiftung, die Alfred Nobels Nachlass verwaltet, entzog der Akademie gar kurzzeitig das Recht der Preisverleihung. Im Jahr 2019 stellte sich die Akademie neu auf und wählte rückwirkend auch noch einen Preisträger für das vergangene, verpatzte Jahr. Und lancierte damit gleich den nächsten Skandal.

Lange sah es aus, als würde sich die Schwedische Akademie nach dem Skandal von 2017 nur immer tiefer in den Sumpf reiten. Seit einiger Zeit aber arbeitet man am Turnaround. Heute wurde bekannt, dass ein besonders problematischer Akteur die Bühne verlässt – und im Oktober gleich zwei Literaturnobelpreise vergeben werden.

2019: Peter Handke und der Jugoslawien-Krieg

Die Akademie verlieh den Preis rückwirkend dem österreichischen Schriftsteller Peter Handke. Kurz darauf kam vor allem unter politischen Kommentatoren die Frage auf: Hat er den Preis verdient? Denn Handke sympathisierte in den 1990er Jahren, während des Jugoslawien-Kriegs, mit den serbischen Nationalisten. Handkes Parteinahme war bedingungslos, und er gab sie auch nicht auf, als die schwerwiegenden Kriegsverbrechen der Serben umfassend bekannt wurden. Auch als ihm der Nobelpreis verliehen wurde und er mit seiner politischen Haltung konfrontiert wurde, wollte sich Handke nicht von früheren Aussagen distanzieren.

Die Zusprechung des Literaturnobelpreises an Peter Handke irritiert. So hoch sein poetischer Rang ist, so fragwürdig war sein Engagement für das Serbien der nationalistischen Kriegstreiber. Der Entscheid zeugt von Überheblichkeit und Fahrlässigkeit.

Bis heute: der ewige Kandidat Thomas Pynchon

Der amerikanische Schriftsteller Thomas Pynchon ist immer und immer wieder einer der meistgenannten Kandidaten für den Nobelpreis, doch gewonnen hat er noch nie. Nach zwölf Jahren hat er 2025 wieder ein Buch veröffentlicht, und doch klappte es mit dem grossen Preis auch dieses Jahr nicht, zum Unverständnis seiner zahlreichen Fans.

Pynchon ist 89 Jahre alt und ein New Yorker Kultautor. Er gilt als der berühmteste Undercover-Schriftsteller der Welt: Das letzte offizielle Foto von ihm stammt aus dem Jahr 1955, als er bei der US Navy war. In der berühmten amerikanischen Fernsehserie «Die Simpsons» tauchte er als animierter Charakter auf, der stets eine Papiertüte mit aufgemaltem Fragezeichen über den Kopf gestülpt hatte.

Die Öffentlichkeit meidet er bis heute, vielleicht wäre Pynchon auch deshalb für die Akademie in Stockholm ein ungemein unpraktischer Sieger.

Thomas Pynchon als Schüler in New York, im Jahr 1953.

Thomas Pynchon als Schüler in New York, im Jahr 1953.

Imago

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