Soziologin: "Es wird nicht ohne gerechtere Aufteilung der Care-Arbeit gehen"

Arbeitszeit

Soziologin: "Es wird nicht ohne gerechtere Aufteilung der Care-Arbeit gehen"

Bettina Stadler von der Uni Graz erklärt, warum vermeintliche Wahlfreiheit bei der Kinderbetreuung oft traditionelle Rollen einzementiert

Interview

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Franziska Zoidl

Er sehe Kinderbetreuung nicht als Arbeit, sagte Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) vor einer Woche auf seiner Sommertour durch die Bundesländer, DER STANDARD hat berichtet. Später entschuldigte er sich dafür. Mit der Aussage rückte die ungleiche Aufteilung von Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen ein weiteres Mal in den Fokus – gemeinsam mit der Frage, welche Arbeit gesellschaftliche Wertschätzung erfährt und welche nicht.

Bettina Stadler, Arbeitssoziologin an der Universität Graz, erklärt, warum ihr der derzeitige Diskurs dennoch Hoffnung gibt – und warum es für eine gerechtere Aufteilung der Betreuungsarbeit mehr als Anreize bräuchte.

Ein Vater hilft seinem kleinen Kind, auf einem Holz-Laufrad zu spielen. Im Hintergrund sind eine Gitarre, ein Sessel mit Kissen und ein Regal zu sehen. Der Raum hat einen gemusterten Teppich mit buntem Spielzeug darauf.
"In skandinavischen Ländern ist die Aufteilung der Care-Arbeit sehr viel gerechter", erklärt die Soziologin.

STANDARD: Die Aussage von Kanzler Christian Stocker hat Wellen geschlagen. Hat Sie das überrascht?

Stadler: Mir gibt dieser Diskurs derzeit eher Hoffnung, weil damit offensichtlich ein wunder Punkt in unserer Gesellschaft getroffen wurde, über den jetzt seit einer Woche gesprochen wird. Diskussionen dazu, was Arbeit ist und was nicht, gab und gibt es immer wieder auch im wissenschaftlichen Kontext. Erst in den 1970er-Jahren wurde der Arbeitsbegriff um die Perspektive der Care-Arbeit erweitert – übrigens infolge feministischer Proteste.

STANDARD: Warum erhitzt das Thema die Gemüter gerade jetzt so enorm?

Stadler: Weil durch die Diskussionen wieder einmal an die Oberfläche kommt, dass in Österreich Väter sehr wenig Betreuungsarbeit übernehmen, natürlich mit Ausnahmen. Das beginnt bei der Elternkarenz, wo der Anteil der Väter je nach Lesart stagniert oder sogar zurückgeht. Es gibt in Österreich die Erwartung, dass Dinge irgendwann schon von selbst passieren. In skandinavischen Ländern ist die Aufteilung der Care-Arbeit gerechter. Allerdings gab es beispielsweise in Schweden in den 1990er-Jahren die politische Entscheidung, dass mit bestimmten Maßnahmen für mehr Gleichstellung gesorgt werden muss. Damals wurden Karenzmodelle eingeführt, die den Vätern einen substanziellen Anteil einräumen – der verloren geht, wenn er nicht genutzt wird.

STANDARD: Oft wird mit Wahlfreiheit argumentiert: Man wolle den Menschen schon selbst überlassen, wie sie sich die Kinderbetreuung aufteilen.

Stadler: Genau – aber das führt häufig dazu, dass die traditionelle Aufteilung beibehalten wird, weil es so weniger Widerstände gibt, etwa von Arbeitgebern. Ein Paar agiert ja nicht in einem luftleeren Raum. Da gibt es Großeltern, Freunde, Arbeitskolleginnen, die eine andere Aufteilung der Care-Arbeit vielleicht negativ bewerten. Das ist ein Umfeld, das wie ein Gummiband dazu führt, dass es nicht-traditionelle Formen schwerer haben. In internationalen Befragungen sieht man auch, dass in Österreich eine sehr traditionelle Vorstellung von Mutterschaft vorherrscht. In vielen Köpfen gibt es die Vorstellung, dass Mütter sich um ihre Kinder kümmern sollen – oder dass ein Kind leidet, wenn die Mutter sehr viel arbeitet.

STANDARD: Gleichzeitig wird von der Politik die hohe Teilzeitquote kritisiert und gefordert, dass Menschen mehr und länger arbeiten.

Stadler: Frauen sollen sich einerseits um das Kind kümmern, aber andererseits auch am Arbeitsmarkt präsent sein. Dadurch entsteht eine enorme Spannung. Frauen haben immer höhere Bildungsabschlüsse und Qualifikationen, und in Familien gibt es zudem die ökonomische Notwendigkeit, dass beide Elternteile arbeiten.

STANDARD: Steckt hinter dieser Debatte auch die Vorstellung, dass eigentlich nur Vollzeitarbeit als "richtige" Arbeit gilt?

Stadler: Das ist eine weitverbreitete Meinung. Diese geht aber völlig an der Realität vorbei. Fast 50 Prozent aller Frauen arbeiten in Teilzeit, und im mittleren Alter, in dem Frauen Kinder bekommen, sind es noch mehr. Aber das Verständnis, dass Teilzeit die normale Arbeitsform eines beachtlichen Teils der Bevölkerung ist, ist in unserer Gesellschaft noch nicht angekommen.

STANDARD: An welchen Schrauben müsste man drehen, um Betreuungsarbeit gerechter aufzuteilen?

Stadler: Man muss schon sagen: Bei der Kinderbetreuung ist in den vergangenen Jahren viel passiert, wenn auch in manchen Regionen noch nicht genug. Die letzte und die aktuelle Regierung haben viel Geld in die Hand genommen, um den Ausbau voranzutreiben. In der Praxis ist es aber auch so, dass nur ein Teil der Kinderbetreuungsaufgaben ausgelagert werden kann. Da bleibt noch viel übrig. Es wird nicht ohne eine gerechtere Aufteilung der Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen gehen. Und aus meiner Sicht bräuchte es dafür eine politische Entscheidung, weil moralische Appelle und Boni nicht zum Ziel führen.

STANDARD: Welche Rolle spielen Vorbilder? Hochrangige Politiker oder Führungskräfte zum Beispiel, die in Karenz gehen?

Stadler: Vorbilder wären in Unternehmen sehr wichtig. Wenn Manager in wichtigen Positionen längere Zeit in Karenz gehen, würde das viel zur Akzeptanz und Anerkennung im Betrieb beitragen. Ein hochrangiger Politiker ist wahrscheinlich ein bisschen zu weit von der Lebensrealität der meisten Menschen entfernt, weil man weiß, dass es dort mehr Ressourcen und ein Umfeld gibt, das viel abfedert. (Franziska Zoidl, 16.8.2026)

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