Stimmungsbild aus Putins Reich - «Viele Russen haben Angst vor einer neuen Rekrutierungswelle»

Russland ist weitgehend isoliert. Wie geht es der Bevölkerung und was hält sie vom Ukrainekrieg? SRF-Sonderkorrespondent Christof Franzen gibt Auskunft.

Christof Franzen

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Christof Franzen (geb. 1971) ist Journalist und Filmemacher. Der ehemalige Russland-Korrespondent von SRF hat insgesamt über ein Jahrzehnt in Russland gearbeitet. 2025 wurde der gebürtige Walliser als «Journalist des Jahres» ausgezeichnet.

SRF: Wie nimmt man in Russland den Wahlsieg der AfD wahr?

Christof Franzen: Die AfD ist natürlich ein Traumpartner. Sie will weniger Ukraine-Hilfe, weniger EU und wieder Gas-Deals.

Sind die baldigen Parlamentswahlen in Russland wichtig?

Nein. Bei Grundsatzfragen gibt es keine Opposition mehr. Diskutiert werden nur noch Kleinigkeiten.

Wie ist die Stimmung im Volk?

Der Elefant im Raum ist der Ukraine-Krieg.

Das grosse Tabu?

Ja, vielfach sogar zuhause in der Familie. Gespürt habe ich aber die Angst vor einer neuen Rekrutierungswelle.

Ist Putin zum Siegen verdammt?

Seine Propaganda könnte ein Kriegsende auch jetzt noch als Sieg verkaufen. Aber nichts deutet auf einen Kurswechsel hin.

Wie offen reden die Leute in Ihrem neuen Dreiteiler über das Leben in Russland?

Wer in Sachen Krieg eine andere Haltung hat als der Staat, kann wegen Fake News verurteilt werden. Läuft die Kamera nicht, wird teils über steigende Kosten oder oft gesperrtes Internet geklagt. Anders als früher sorgt aber auch meine Schweizer Herkunft für eine Abwehrhaltung.

Neue DOK-Serie von Christof Franzen

Wird das Klima gehässiger?

Von meinen direkten Begegnungen her kann ich das nicht bestätigen. Aber ich höre es. Angst hat man zudem auch vor aggressiven Kriegsrückkehrern, obwohl diese offiziell als Helden gelten.

Kennt man Bilder von der Front?

Via Internet wäre das möglich, aber ich habe das Gefühl, sicher die Hälfte der Leute will es gar nicht so genau wissen.

Um gegen aussen linientreu zu wirken?

Wer den Krieg ausklammert, kann in Russland noch immer normal leben. Wegen der tiefen Arbeitslosigkeit und dem Fachkräftemangel gibt es viele gut bezahlte Jobs.

Sprengstoff-Drohnen am Flughafen Leipzig schürten kürzlich die Angst, Russland wolle den Krieg ausweiten.

Die Frage ist: Testet Russland dereinst auch die Nato? Kämen bei einer allfälligen Provokation seitens der Nato nur Worte statt Taten, würde Russland das als Triumph feiern.

Muss man Russland mit Stärke begegnen?

Es stimmt jedenfalls, dass Schwäche in Russland nicht verziehen wird. Mit Trump und dem gespaltenen transatlantischen Verhältnis bekamen die Russen quasi viel geschenkt. Aber was ist das Endziel von Russland? Ich habe da zwar eine Meinung, halte mich diesbezüglich aber zurück.

Wie vorsichtig müssen Sie selbst sein, der noch in Russland unterwegs ist?

Den Krieg kommentieren kann ich nicht. Ich dokumentiere, wie sich Russlands Bevölkerung in der aktuellen Situation organisiert. Das finde ich wichtig. Russland bleibt ein Nachbar Europas und wird vielleicht auch wieder einmal ein Teil Europas.

«Gredig direkt» als Podcast

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Urs Gredig im Anzug hält eine Karte im SRF-Studio.
Legende:

SRF

Urs Gredig empfängt in seiner wöchentlichen Talkshow prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft, Unterhaltung, Sport und Gesellschaft. Seit Januar dieses Jahres gibt es seine Sendung auch als Podcast.

Kann man Russland und seine Gesellschaft je begreifen?

Es gibt den Spruch: Russland kann man nicht verstehen, man kann nur daran glauben. Wie andere Länder hat Russland viele Facetten, aber speziell macht es vielleicht seine schwere Geschichte.

Was wünschen Sie sich für Russland?

Ich spüre bei uns im Westen tatsächlich viel Wunschdenken. Man hofft, Russland knicke wegen der schwachen Wirtschaft bald ein. Ich bin leider pessimistisch und sehe keine Anzeichen dafür.

Was war Ihr stärkster Eindruck von den Aufnahmen Ihres neuen Dreiteilers in Russland?

Ich war bei einem Warlord und bei einer Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Er befürwortet den Krieg, sie verurteilt ihn. Zwei total gegensätzliche Sichtweisen. Doch die beiden leben in Moskau nur wenige Meter voneinander entfernt.

Das Gespräch führte Urs Gredig.