Verändert Geld den Charakter? Was eine Langzeitstudie zeigt

Je mehr Geld Jordan Belfort, im Film „The Wolf of Wall Street“ von Leonardo DiCaprio verkörpert, macht, desto unsympathischer wird er. Foto: imago images/Mary Evans

Studie: Verdirbt Geld tatsächlich den Charakter?

Ein Forscherteam hat ausgewertet, wie Einkommen und Persönlichkeit zusammenhängen. Ein Ergebnis: Wer mehr verdient, wird weniger gesellig. Woran das liegen könnte.

  • Ein steigendes Einkommen geht mit Änderungen der Persönlichkeit einher und kann zu weniger Geselligkeit und Verträglichkeit führen
  • Die Forscher werteten elf Langzeitstudien mit Daten von rund 134.500 Menschen aus verschiedenen Ländern aus
Die Zusammenfassung wurde mithilfe von KI erstellt und redaktionell geprüft.

Wissenschaftler bedienen sich gerne einer nüchternen Sprache. Damit bloß alles korrekt ist. Umso beachtlicher, dass Christian Dormann, Wirtschaftspädagoge an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, und seine Kollegen in Hongkong, Shanghai und Texas ausgerechnet mit einem Zitat aus Shakespeares „Romeo und Julia“ in ihre neue Studie einsteigen. Fünfter Akt, erste Szene:

„Da ist dein Gold. Ein schlimmeres Gift den Seelen, das mehr Morde tut in dieser Welt als diese armen Mischungen, die du nicht verkaufen darfst.“

Im Glauben, dass Julia tot ist, spricht Romeo diesen Satz, als er bei einem Apotheker eine Substanz kauft, um sich selbst zu vergiften. Das Gold, so ist Romeo überzeugt, soll für die Menschen weitaus schlimmer sein als das Gift.

Nun ging es Dormann und seinen Kollegen in der Studie nicht um eine literarische Analyse von Shakespeares Schaffen. Sie haben untersucht, ob Geld tatsächlich unsere Persönlichkeit verändert. Die Arbeit ist in der renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschrift Psychological Bulletin erschienen. Die Forscher haben die Ergebnisse von elf Langzeitstudien ausgewertet – mit Daten von rund 134.500 Menschen, die über mehrere Jahre hinweg Angaben zu ihrem Einkommen und ihrer Persönlichkeit gemacht hatten. Die Daten stammen aus verschiedenen Ländern, darunter die USA, Australien oder die Niederlande. Außerdem analysierten die Forscher Antworten von 41.600 Menschen aus dem deutschen Sozio-oekonomischen Panel (SOEP).

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Um die Persönlichkeit auszuwerten, zogen die Autoren der elf Studien das etablierte „Big-Five-Persönlichkeitsmodell“ heran, das fünf Faktoren umfasst: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Extraversion und emotionale Stabilität. Jeder Faktor hat eine eigene Ausprägung: Besonders neurotische Menschen sind schnell reizbar. Wer nur niedrige Ausprägungen aufweist, ruht in sich, geht besser mit Stress um.

Zwar ist die Persönlichkeit relativ stabil, wie großangelegte Meta-Studien zeigen – aber sie ist eben nicht unveränderlich. Menschen behalten bestimmte Grundtendenzen bei, aber die Ausprägungen der jeweiligen Persönlichkeitsmerkmale können sich verändern. Durch Alter, Lebensereignisse oder eben das Einkommen.

134.500Personenwaren Teil der Stichproben, die die Forscher um Christian Dormann für ihre Meta-Analyse genutzt haben

Höheres Einkommen senkt Verträglichkeit und Geselligkeit

Tatsächlich konnten Christian Dormann und seine Kollegen zeigen: Steigendes Einkommen hängt mit Änderungen in den Persönlichkeitsmerkmalen zusammen. Und ja: Eines ihrer Ergebnisse deutet darauf hin, dass sich der Charakter in gewisser Weise verschlechtert. Wer mehr verdient, wird weniger verträglich. Also weniger kooperativ, nachgiebig, harmonisch.

„Das steht teilweise im Gegensatz zu früheren Befunden, wonach beispielsweise Lotteriegewinne die Verträglichkeit erhöhen können“, sagt Dormann. Wobei die Forscher nicht die Auswirkungen plötzlichen Reichtums untersucht haben, sondern die von Einkommenszuwächsen. Plötzlicher Reichtum, für den man sechs richtige Kreuze auf dem Lottoschein gesetzt hat, prägt den Charakter also offenbar anders als selbst erarbeiteter Reichtum.

Außerdem zeigte sich in den Daten, dass die Menschen mit steigendem Einkommen weniger extrovertiert wurden. Weniger gesellig, kontaktfreudig, enthusiastisch. Dieses Ergebnis ist für Dormann „ganz klar“ die größte Überraschung. Immerhin haben viele andere Forscher herausgefunden, dass Einkommen und Extroversion positiv zusammenhingen. Sie haben jedoch nicht analysiert, wie sich die Persönlichkeit mit steigendem Einkommen verändert, sondern welche Persönlichkeitsmerkmale generell mit einem höheren Einkommen verbunden waren.

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Wie lassen sich die Effekte erklären, die Dormann und seine Kollegen beobachten konnten? Warum ziehen sich die Menschen stärker zurück, werden weniger umgänglich?

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Dormann hat gleich mehrere Vermutungen: Womöglich werden „Menschen mit wachsendem Einkommen unabhängiger“ und glauben, „weniger auf andere angewiesen zu sein“. Sie ziehen sich zurück und nehmen weniger Rücksicht auf andere. Sie könnten einen Einkommenszuwachs „vor allem ihren eigenen Fähigkeiten und Leistungen zuschreiben und dabei unterschätzen, wie wichtig andere Menschen für ihren Erfolg waren“, erläutert Dormann. Wer sich zunehmend als selbstständig und erfolgreich erlebe, könne glauben, „weniger auf die Unterstützung anderer angewiesen zu sein. Vereinfacht gesagt: Man denkt, man braucht die anderen nicht mehr“, sagt der Forscher. „Das könnte erklären, warum die Bereitschaft zu Kooperation und Rücksichtnahme etwas zurückgeht.“

Hinzu komme laut Dormann, dass beruflicher Erfolg meist weitere Erfolge bedinge. „Gleichzeitig wachsen oft die Verantwortung und die Komplexität der Aufgaben. Damit könnte einerseits ein geringeres Bedürfnis nach sozialen Kontakten einhergehen, andererseits bleibt möglicherweise schlicht weniger Zeit dafür.“

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Mehr Einkommen stärkt die berufliche Gewissenhaftigkeit

Immerhin, fanden die Forscher um Dormann auch heraus, dass mehr Einkommen mit einer Veränderung zum Guten zusammenhing: „Ein steigendes Einkommen geht unseren Ergebnissen zufolge beispielsweise auch mit einer Zunahme der Gewissenhaftigkeit einher, was man durchaus als positive Charakterentwicklung interpretieren kann.“ Und da andere Untersuchungen gezeigt haben, dass Gewissenhaftigkeit per se schon mit einem höheren Einkommen in Zusammenhang stand, legen die Ergebnisse von Dormann und seinen Kollegen nun eine Art verstärkenden Effekt nahe. Nach dem Prinzip: „Wer beispielsweise von Anfang an sehr gewissenhaft ist, hat möglicherweise bessere Voraussetzungen für eine erfolgreiche berufliche Entwicklung. Der damit verbundene Erfolg kann wiederum die Gewissenhaftigkeit stärken.“ Und so wiederum den Erfolg.

Wie eine „endlose Spirale“ dürfe man sich diesen Effekt zwar nicht vorstellen, schränkt Dormann ein. Sondern eher wie ein „langfristiges Gleichgewicht“, auf das sich Einkommen und Persönlichkeit im Laufe der Zeit zubewegen. Auch die Lebensumstände und „die Rolle des Zufalls“ spielten eine Rolle.

Was tatsächlich der Grund für die Wesensveränderung ist, können die Forscher anhand der Daten nicht feststellen. Aber: „Das Geld allein dürfte nur einen Teil der beobachteten Veränderungen erklären“, sagt Dormann. „Möglicherweise ist es sogar eher ein sichtbarer Ausdruck der dahinterliegenden Prozesse.“ Vielleicht verändert nicht das Geld selbst den Menschen, sondern die Rolle, die mit mehr beruflichem Erfolg verbunden ist – mehr Verantwortung, mehr Leistungsdruck und eine stärkere Bindung an die Arbeit. Darauf deutet auch eine Studie von Forschern in den US-Bundesstaaten Illinois und New York hin: Wer sich im Job stärker engagierte, war gewissenhafter und später weniger extravertiert. So, wie es auch die Ergebnisse von Dormann und seinen Kollegen zeigen.

Andere Arbeiten legen nahe, dass auch die Persönlichkeit selbst das Einkommen beeinflusst: Als Forscher aus Deutschland, den Niederlanden, den USA und der Schweiz einen Datensatz mit Angaben von rund 8500 Beschäftigten in Deutschland analysierten, konnten sie zeigen, dass Menschen im Durchschnitt mehr verdienten, wenn ihre Persönlichkeit zu den Anforderungen ihres Jobs passte. Wer besonders gesellig ist und gerne Kontakte knüpft, verdient in einem Job, der genau dies verlangt, auch mehr: etwa als Vertriebler, Flugbegleiter, Moderator.

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