SZ-Serie: Woran arbeiten Sie gerade.... Eva Kammigan?: Eva Kammigan: „Ich geb‘ die Hoffnung nicht auf in dieser ganzen schrecklichen Zeit“

SZ-Serie: Woran arbeiten Sie gerade.... Eva Kammigan? Eva Kammigan: „Ich geb‘ die Hoffnung nicht auf in dieser ganzen schrecklichen Zeit“

Serie | Saarbrücken · „Woran arbeiten Sie gerade?“ Diese Frage stellen wir Künstlerinnen und Künstlern ganz unterschiedlicher Genres. Wir fragen Autoren, Bildende Künstler, Musiker, Filmleute und Theatermacher. Das, woran diese Menschen gerade arbeiten, ist nämlich das, was wir als Publikum vielleicht bald zu sehen oder zu hören bekommen. Heute: Eva Kammigan

04.08.2026 , 08:00 Uhr

Eva Kammigan spielt in einer ihrer  neuen Produktionen einen 15-jährigen Jungen, der sich gegen ein schlimmes Schicksal wehrt.

Eva Kammigan spielt in einer ihrer neuen Produktionen einen 15-jährigen Jungen, der sich gegen ein schlimmes Schicksal wehrt.

Foto: Heike Steinweg

Sie ist müde und ein bisschen abgekämpft. Gerade hat Eva Kammigan vier Stunden lang an der Hochschule für Musik angehenden Opernsängerinnen und -sängern Schauspielunterricht gegeben. Dazu ist es bei unserem Treffen auch noch sommerheiß. Aber egal wie ausgelaugt sie auch sein mag, für ein paar kluge Worte und viel Begeisterung für ihre neuen Projekte reicht es bei ihr immer. Sogar wenn sie müde ist, haut die Saarbrücker Schauspielerin noch mehr kluge Sätze raus als manch anderer in hellwachem Zustand. Und ihre außergewöhnlichen hellen Augen lassen ihr einprägsames Gesicht sogar noch leuchten, wenn sie eigentlich den Kopf lieber auf ein Kissen betten und schlafen würde.

Ihre erfolgreichste freie Produktion: 67 Mal schon hat Eva Kammigan „Odysseus“ gespielt, und es geht immer noch weiter.

Ihre erfolgreichste freie Produktion: 67 Mal schon hat Eva Kammigan „Odysseus“ gespielt, und es geht immer noch weiter.

Foto: Iris Maria Maurer

Die 49-Jährige ist eine der interessantesten Schauspielerinnen, die das Saarland aktuell zu bieten hat. Ihre freien Produktionen sind nicht nur sehenswert, sie werden auch gerne gesehen. Allein ihren „Odysseus“ als Ein-Frau-Show hat sie inzwischen 67 Mal gespielt, und noch immer ist kein Ende abzusehen. „Das ist so eine tolle Abenteuergeschichte“, schwärmt sie – und auch ihr Publikum liebt dieses überaus unterhaltsame Stück.

Sie kann auch prima lustig sein: Eva Kammigan (links) am Staatstheater in dem Kinderstück „Donkey der Schotte und das Pferd, das sich Rosi nannte“ mit Sébastien Jacobi und Thorsten Rodenberg (von links).

Sie kann auch prima lustig sein: Eva Kammigan (links) am Staatstheater in dem Kinderstück „Donkey der Schotte und das Pferd, das sich Rosi nannte“ mit Sébastien Jacobi und Thorsten Rodenberg (von links).

Foto: SST/Astrid Karger

Sie braucht immer was mit Sinn

Aber für reine kunstvolle Unterhaltung ist Eva Kammigan nicht gemacht. Auch wenn sie als freischaffende Darstellerin davon sicher besser leben könnte. Aber sie braucht auch immer was mit Sinn. Und so hat sich die gebürtige Norddeutsche für den Herbst ein paar deutlich schwerere Kaliber vorgenommen.

Gleich zwei Stücke, die sich mit harten sozialen Themen beschäftigen, wird sie spielen: „HeimWEH“, einen Monolog über häusliche Gewalt von Thomas B. Hoffmann. Und „Prima Facie“, ein Stück über sexuelle Übergriffe vor Gericht, von der englischen Autorin und Juristin Suzie Miller. Zweimal starker Tobak also.

„Wie man schwierigen Lebenssituationen etwas Gutes abtrotzen kann“

„Ich erzähle gerne die Geschichte von Menschen, die so ein bisschen durch die Maschen fallen“, sagt Kammigan im SZ-Gespräch. Aber auch wenn die Themen erst einmal düster klingen: Vor allem „HeimWEH“, das sie als Mitglied der Compagnie Lion auf dem Theaterschiff zeigt, sei „eigentlich ein Stück, das das Leben bejaht, das zeigt, wie man schwierigen Lebenssituationen etwas Gutes abtrotzen kann“.

Die 49-jährige Schauspielerin wird in diesem Stück einen 15-jährigen Teenager spielen – wer sie schon auf der Bühne erlebt hat, wird nicht daran zweifeln, dass sie das glaubhaft hinbekommt. Dieser 15-jährige Sebastian ist aus gutem Hause, „aber hinter der bürgerlichen Fassade wird zugeschlagen“.

Kammigan hat das Stück vor Jahren im Theater in Senftenberg gesehen, wo sie seinerzeit engagiert war, „und ich war wirklich verzaubert“. Der Autor Thomas B. Hoffmann schaffe es, sagt sie, diesem so oft traurigen und wütenden Teenager etwas Zupackendes, dem Leben Zugewandtes zu geben. „Ich finde es großartig, einem solchen Menschen und solchen Geschichten eine Lobby zu geben. Es ist einfach ein großes Glück, dass ich als freischaffende Schauspielerin die Möglichkeit habe, mir das selbst auszusuchen.“

Selbst ausgesucht hat sie sich dann auch das Stück „Prima Facie“. Hier geht es um eine erfolgreiche Anwältin, die Missbrauch erlebt, anzeigt – und danach durch die Hölle geht. „Als Schauspielerin fasziniert mich, dass die Figur – die Strafverteidigerin Tessa Ensler – eine große Entwicklung durchmacht. Am Anfang des Stückes strotzt sie nur so vor Kraft und Entschlossenheit, und dann wird sie immer verzweifelter, zerbrechlicher.“ Tessa Ensler sei eine, sagt Kammigan, die am Anfang so sehr an das System glaubt und genau durch dieses System fast zerbricht.

„Prima Facie“ bringt sie auf ganz eigene Kappe raus und will sie auch an verschiedenen Orten spielen. Regie wird der Bremer Regisseur Philipp Stemmann führen. Gefördert wird diese Produktion vom saarländischen Kultusministerium, aber ganz gedeckt sind die Kosten nocht nicht. „Ich bin noch auf der Suche, um eine Finanzierungslücke zu schließen.“ Da sollte sich bei diesem wichtigen und aktuellen Frauen-Thema doch jemand finden.

Viele Saarländer kennen sie auch aus diversen Gastauftritten am Staatstheater

Aber Eva Kammigan arbeitet auch noch auf anderen Feldern. Sie bringt nicht nur an der HfM-Opernsängern Schauspiel bei. Sie gibt Workshops für junge Frauen an der HTW, macht Coachings für Erwachsene. Viele Saarländer kennen sie auch aus diversen Gastauftritten am Staatstheater. Unvergessen ihre Jente im Musical „Anatevka“ und ihr Auftritt im Weihnachtsmärchen „Donkey der Schotte und das Pferd, das sich Rosi nannte“, Kammigan kann auch prima komisch sein.

Außerdem tourt die Mutter eines zehnjährigen Sohnes für den Boedecker-Kreis mit dem Bilderbuchkino durchs Saarland. Und, ganz wichtig: Sie hat zwei Klassenzimmer-Produktionen im Angebot, Theaterstücke, mit denen sie in Schulen geht. „Und es gibt tatsächlich Schulen, die sich das leisten.“ Das eine Stück „Jenny Hübner greift ein“ ist fröhliches Kindertheater. Das andere hat es in sich: „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier.“

Dieses Stück spielt mit der (angesichts der Klimaprognosen gar nicht mehr so unwahrscheinlichen) Fiktion, dass wir Europäer flüchten müssen und auf die Gastfreundschaft der arabischen Welt angewiesen sind. Mit dieser Produktion geht Eva Kammigan besonders gerne in Schulklassen, weil da eigentlich immer etwas passiere. „Ich erlebe da viele Kinder mit Fluchterfahrung, manche erzählen wie ein Wasserfall“.

„Es ist nicht so, dass Empathie, nur weil sie gerade in der Gesellschaft nicht so abgerufen wird, nicht mehr da ist. Sie ist noch da“

Mit „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ macht sie immer wieder die Erfahrung, dass Theater wirklich etwas bewegen kann. „Bisher hat jedes Mal mindestens ein Schüler oder eine Schülerin angefangen, darüber nachzudenken: Wie ist das für die anderen?“ Die jungen Leute seien bereit für den Perspektivwechsel und fürs Mitfühlen. „Es ist nicht so, dass Empathie, nur weil sie gerade in der Gesellschaft nicht so abgerufen wird, nicht mehr da ist. Sie ist noch da.“

Das sind so die Momente, in denen Eva Kammigan ihren Beruf ganz besonders liebt. Die emotionale Reaktion, das ist für sie der Gradmesser des Erfolgs. „Ich bin wirksam, ich kann etwas zurückgeben, ich bin nicht nur ein Wesen im luftleeren Raum.“ Das ist ihr wichtig.

Natürlich treibt eine freie Künstlerin wie sie, die von öffentlicher Förderung abhängt, auch die aktuelle politische Entwicklung um. Die AfD hat bekanntermaßen der in ihren Augen „linken“ Kultur den Kampf angesagt. Aber Eva Kammigan will sich nicht Bange machen lassen. „Wenn ich mich als Künstlerin frage, werde ich mit diesem oder jenem Stück gefördert, kann ich damit überleben? Wenn irgendein Schauspieler anfängt, darüber nachzudenken, dann wäre das ein Zeichen, dass die Gesellschaft in der Krise ist.“

Deshalb willl sie gar nicht erst mit diesen Gedanken anfangen. Lieber sucht sie weiter nach Stücken, die Denkprozesse anstoßen, vielleicht etwas zum Besseren wenden. Sie sei, meint sie, im Grunde optimistisch trotz allem. „Ich geb‘ die Hoffnung nicht auf in dieser ganzen schrecklichen Zeit. Auch in der dicken Betonmauer der AfD wird sich irgendwann ein feiner Haarriss auftun.“ Diesen Optimismus lässt sie sich auch bei 35 Grad im Schatten und mit akutem Schlafmangel nicht nehmen. (jos)

„Odysseus“ ist beim Freistil-Festival in Völklingen am 20. September, 17 Uhr, und am 24. September, 19 Uhr, auf dem Theaterschiff Maria-Helena zu sehen. Die Premiere von „HeimWEH“ ist am 5. November, 10 Uhr, ebenfalls auf dem Theaterschiff. Die Premiere von „Prima Facie“ ist am 6. Dezember, 17 Uhr, in der Villa Lessing in Saarbrücken.