Stand: 22.10.2026, 08:00 Uhr
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Fans der japanischen Comic-Reihe „Attack on Titan“ sowie der daraus entstandenen Anime-Serie pilgern in Scharen in die schwäbische Stadt Nördlingen. Was dahintersteckt.
Nördlingen – Ein Schatten legt sich über die Stadt. Ein gewaltiger Kopf ragt plötzlich über die Mauer. Ein Riese baut sich auf, 60 Meter hoch. Er tritt das Stadttor ein. Menschenfressende Titanen fallen in die Stadt ein. Keine Sorge: Rund um Nördlingen, einer 20.000-Einwohner-Stadt im schwäbischen Kreis Donau-Ries, sind bisher keine menschenfressenden Monster gesichtet worden. Dafür aber immer mehr Menschen, die mit der Szene an der Stadtmauer bestens vertraut sind. Denn das ist der Handlungsbeginn von „Attack on Titan“, einer japanischen Comic-Reihe (Manga), aus der eine weltweit erfolgreiche Serie (Anime) entstanden ist. Eine große Fangemeinde auf der ganzen Welt hält Nördlingen für die Vorlage dieser fiktiven Welt, für sie ist die schwäbische Stadt die „Attack on Titan“-Stadt.
„Attack on Titan“: Fans pilgern nach Nördlingen
Wie die fiktive Stadt Shiganshina in „Attack on Titan“ liegt auch Nördlingens historisches Zentrum innerhalb eines geschlossenen Mauerrings. Dazu kommen die Fachwerkhäuser und das mittelalterliche Flair – Nördlingen hat eine lange Geschichte, wurde 898 erstmals urkundlich erwähnt, im Mittelalter war die Stadt schon ein wichtiger Handelsplatz. Seit Jahren zeigen Nutzer auf Social Media die Ähnlichkeit zwischen Shiganshina und Nördlingen, teils mit Millionen von Aufrufen. Der Manga wurde weltweit über 140 Millionen Mal verkauft; im Internet wird die Serie als eine der besten überhaupt gehandelt.

Die Geschichte von „Attack on Titan“ ist bereits zu Ende erzählt, der Manga ist seit 2021 abgeschlossen, die Anime-Serie endete 2023 – doch der Rummel in Nördlingen nimmt stetig zu. „Es kommen immer mehr Fans“, sagt Wolfgang Ziegler. Er ist der Türmer des Daniel, das ist der Kirchturm inmitten der Altstadt. Die Manga-Anhänger steigen auf den fast 90 Meter hohen Turm, um auf die Stadt zu blicken – inzwischen machen sie etwa die Hälfte der Besucher aus. An Sommerwochenenden sind es täglich bis zu 60 Fans, die Ziegler auf dem Turm besuchen. „Sie machen hier Fotoshootings, haben Kostüme dabei und schminken sich dafür“, sagt er. Teils seien sie stundenlang auf der Aussichtsplattform. In der Türmerstube haben Fans Umhänge zurückgelassen, wie sie in „Attack on Titan“ getragen werden. Weil die Fangemeinde im Internet miteinander vernetzt ist, wissen viele, dass sie diese dort für Fotoshootings ausleihen können.

In der Stadt fallen die Fans schnell auf. Kazuki und Yukina aus Japan verbringen gerade einen Tag ihrer Flitterwochen in Nördlingen. Cindy und Kevin sind auf der Durchreise und kommen aus Luxemburg. Jingya reist aus China an, Wenchia aus Taiwan. Die beiden sind in voller „Attack on Titan“-Montur unterwegs. Alle sind sich einig: Hier sieht es aus wie in ihrer geliebten fiktiven Welt. Nördlingens Tourismuschef Daniel Wizinger sieht täglich Fans. „Man nimmt sie im Stadtbild wahr. Sie sind oft sehr auffällig gekleidet und fotografieren sich vor oder auf der Stadtmauer“, sagt er. Für die Stadt Nördlingen sei die Fangemeinde inzwischen eine wichtige Einnahmequelle.
Tourismus durch „Attack on Titan“: Nicht alles läuft gut
Dennoch hält sich die Stadt mit einer Vermarktung zurück. Denn es gibt keine offizielle Bestätigung, dass Nördlingen tatsächlich als Vorlage gedient hat. „Das Gerücht ist vor zehn Jahren aufgekommen und es hält sich sehr hartnäckig“, sagt Wizinger. Die Stadt habe bereits mehrmals versucht, Kontakt zum „Attack on Titan“-Schöpfer Hajime Isayama aufzunehmen. Doch ohne Erfolg, er lebt sehr zurückgezogen.

Doch der Fanandrang bringt auch Probleme mit sich. Wenn die Fans abreisen, bleiben immer wieder Graffiti zurück – besonders an der denkmalgeschützten Stadtmauer und am Turm Daniel. Einige Stellen wurden mehrfach übermalt. Die Stadt hat zwar Verbotsschilder im Turm angebracht. Dennoch kommen immer mehr Schmierereien hinzu. „Wir können nicht viel machen, wir erwischen sie nicht“, sagt Türmer Ziegler. Die Stadt will die Hinterlassenschaften der Fans künftig zur Anzeige bringen.
Neben den Kritzeleien bedeutet der Manga-Wirbel für Ziegler aber vor allem, dass mehr Besucher die etwa 350 Stufen zu ihm hinaufsteigen. Selbst an kalten Wintertagen, an denen früher kaum jemand bei ihm vorbeigeschaut hat.
Von Fabian Englmann