In Hollywoodfilmen geht es ständig um die eigene Psyche – was dadurch unbeachtet bleibt

Valérie Catil

Ständig handeln Hollywoodfilme von Traumata. Aber wer sich nur auf die eigene Psyche konzentriert, verpasst es, die Systemfrage zu stellen.

Ein Frau steht ängstlich vor einer Wand und rechts ein großer Schatten einer anderen Person
Im Labyrinth der Traumata: Szene aus „Backrooms“

Foto: A24/Constantin

J eder Mensch hat ein Trauma. Er muss es nur finden, es gründlich ansehen und es schließlich reparieren – dann wird er glücklich. Im Grunde ist es eine neue Entwicklungsstufe des amerikanischen Traums: Mit Fleiß kann sich jeder optimieren. Und wenn du dein Trauma nicht behebst, bist du selbst schuld.

Auch Hollywood hat diese Idee übernommen und zwingt uns ständig, in die Abgründe der Psyche zu blicken. „Backrooms“ zeigt mit einem Endloslabyrinth verlassener Räume, wie das Unbewusste funktioniert und wie Traumata darin verankert sind. Carmy in der Serie „The Bear“ kämpft über fünf Staffeln damit, dass sich sein Bruder suizidiert hat. Selbst Odysseus leidet in Nolans neuer Verfilmung nicht mehr hauptsächlich an seiner Hybris, sondern an einer posttrojanischen Belastungsstörung.

Filme- und Serienmacher_innen sind besessen von Traumata. Dabei ist der ständige Blick nach innen nicht zielführend. Wer suggeriert, dass jedes psychische Leid, das eine Person erfahren kann, nur aus ihr selbst entspringt, verkennt, wie fertig es einen macht, unter ständigem wirtschaftlichem, politischem oder patriarchalem Druck sein Leben zu bestreiten. Ein paar (nicht aus meinem Leben gegriffene!) Beispiele sollen erklären, was ich meine:

Ich habe eine Angststörung. Liegt das daran, dass mit mir als Kind nicht ausreichend gespielt wurde, oder eher daran, dass ich die vergangenen Jahre einen Genozid live auf dem Handy verfolgen konnte?

Ich habe den Eindruck, meinen Platz in der Welt nicht finden zu können. Wegen meiner Helikoptermutter oder weil es immer unmöglicher wird, sichere Arbeit zu finden?

Mir gelingt es nicht, Männern zu vertrauen. Ist eine gestörte Beziehung zu meinem Vater schuld oder das Patriarchat, das mich täglich daran erinnert, dass Männer wie Dominique Pelicot nebenan wohnen könnten?

Ich bin depressiv. Weil ich in der Schule gemobbt wurde oder weil ich im Kapitalismus ausgebeutet werde?

Ich habe Angst vorm Kinderkriegen. Weil mir Elternschaft schlecht vorgelebt wurde? Oder doch eher, da ich weiß, dass die Erde in nicht allzu langer Zeit unbewohnbar ist und meine Nachkommen im deutschen Rüstungswahn zu Kanonenfutter werden könnten?

Zugegeben, diese fiktiven Probleme sind hier etwas verkürzt dargestellt. Und dieser Text soll Therapie oder die Beschäftigung mit seiner Vergangenheit auch nicht vollständig als neoliberales Projekt abtun. Sicher können die oben gestellten Fragen jeweils beide mit „Ja“ beantwortet werden, und sicher ist Therapie für viele Menschen heilsam, sogar lebensrettend.

Gleichzeitig ist es wahr, dass sich in den vergangenen Jahren für eine breite Masse ein unablässiges In-sich-selbst-Herumgraben eingestellt hat, eine Obsession, sich zu optimieren, auch psychisch. Aber wer ständig nur nach innen blickt, um nach Antworten darauf zu suchen, warum es einem so miserabel geht, der kehrt den Blick nicht nach außen. Das eigene Leid, das dieses System hervorbringt, wird dadurch entpolitisiert und zum individuellen Problem, das es eigenständig zu lösen gilt.

In Anbetracht dessen ist es nur logisch, dass Kunstschaffende, auch Filmemacher_innen, in ihren Werken die gleiche Praxis betreiben: ein Buddeln, fanatisches Stöbern, eine ewige Selbstreflexion, während die Welt in Flammen steht. Auf Besserung sollte man dann nicht hoffen.

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Valérie Catil

Valérie Catil

Gesellschaftsredakteurin

Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.

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