Österreich
Trockenheit: Hydrologe sieht Land "am Rande einer Ausnahmesituation"
Trotz regionaler Unterschiede gibt es österreichweit insgesamt niedrige Grundwasserpegelstände
An rund 85 Prozent der Messstellen lagen die Flusspegel Ende Juni unter dem langjährigen Monatsmittel, bei den Grundwassermessstellen gibt es bei rund 80 Prozent niedrige oder sehr niedrige Stände. Angesichts dieser Werte aus dem Monatsbericht "Wasserhaushalt Österreich" spricht der Hydrologe Günter Blöschl (TU Wien) von einer Lage "am Rande einer Ausnahmesituation". Die Kombination aus trockenem Winter und anschließend wenig Regen vielerorts "fällt aus dem Rahmen".
"Es ist Tatsache, dass das heurige Jahr sehr ungewöhnlich ist", so der Leiter des Instituts für Wasserbau und Ingenieurhydrologie der Technischen Universität (TU) Wien gegenüber der APA. Im Schnitt liegt man eben "deutlich unter dem Mittel – bei den Niederschlägen der vergangenen vier bis fünf Monate sind es rund 30 Prozent weniger als der langfristige Mittelwert". Gibt es so eine Abweichung in einzelnen Monaten, ist dies nicht so ungewöhnlich. Die Häufung in vielen Monaten hintereinander sei das Problem, so der Experte, der im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums auch das Forschungsprojekt "Wasser im Klimawandel" federführend betreut, dessen Endergebnisse im November vorgestellt werden sollen.
Niedrige Pegelständen
Besonders markant sind auch regionale Unterschiede: Speziell trocken ist es in weiten Teilen Oberösterreichs, Niederösterreichs, dem Burgenland und der östlichen Steiermark. Zuletzt habe sich die Trockenheit aber auch in anderen Teilen des Landes breit gemacht – so etwa in Vorarlberg, wo der Bodensee-Pegel kürzlich auf seinen historischen Tiefststand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1850 gefallen ist. Etwas besser ist die Situation momentan in Tirol und Osttirol, was die Flusspegel betrifft.
Beim Grundwasser zeichnet sich ein etwas anderes Bild: So gehen die Stände in großen Reservoirs, wie im südlichen Wiener Becken langsamer zurück, als etwa in der Flyschzone am Nordrand der Alpen unter anderem in Oberösterreich. In den dort kleineren Wassersammelbecken schlägt das Niederschlagsdefizit früher durch. Insgesamt sehe man aber bundesweit sehr viele niedrige Grundwasserstände.
Grundwasserneubildung
Für die Grundwasserneubildung sind vor allem die kühleren Monate entscheidend, erklärte der Hydrologe. Nachdem diese zuletzt trocken waren, ging man vielerorts schon mit einem Defizit Richtung Sommer. Würde es jetzt bei den anhaltend hohen Temperaturen und der klimawandelbedingt in den vergangenen Jahren deutlich gestiegenen Verdunstung mehr regnen, geht das Wasser kaum in tiefere Bodenschichten über, wo Grundwasser gebildet wird.
"Die Grundwasserstände sind ein wenig wie die Seen", so Blöschl. So misst man beim Neusiedler See heuer einen Wasserstand rund 25 Zentimeter unter dem langjährigen Mittelwert. Dass dieser nicht ganz so tief liegt wie vor wenigen Jahren, liege daran, dass sich der Wasserstand Anfang des Jahres auf recht gutem Niveau präsentiert hat. "Das Grundwasser hat ebenso ein 'Gedächtnis' über Monate oder ein Jahr", sagte der Wissenschafter.
Thema kommt langsam an
Bis zum Herbst arbeitet der TU-Wien-Forscher zusammen mit der Geosphere Austria, der Universität Graz und der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien am Endbericht zum groß angelegten Projekt "Wasser im Klimawandel". Vor allem im Bereich der Prognosen gebe es noch ein paar Fragezeichen. So lasse sich aus den globalen Klimamodellen für Österreich schlecht abschätzen, ob der Trend in Richtung mehr Winter- oder Sommerniederschläge gehen könnte. Das ist aber entscheidend: "Wenn es künftig im Winter mehr regnet, haben wir bei der Grundwasserneubildung kein Problem." In den vergangenen Jahren war dem aber nicht immer so, gibt Blöschl zu bedenken. Geht die Entwicklung mehr in Richtung Sommerniederschlag, sei kaum mit Entspannung zu rechnen.
Die Erkenntnis, dass sich in Österreichs Wasserhaushalt durch den Klimawandel etwas ändert, sei bei Expertinnen und Experten sowie in der Bundes- und Landespolitik und in der Landwirtschaft mittlerweile breit angekommen. Bei den zuständigen Stellen, wie dem Landwirtschaftsministerium, sei das Thema "absolut am Radar. In der Bevölkerung kommt es langsam an", sagte Blöschl. Jetzt sehe man in diversen Veränderungen "eindeutig den Fingerabdruck des Klimawandels, der bombenfest belegt und keine politische oder sonstige Erfindung ist". Die Sicht darauf werde insgesamt differenzierter: Es werde nicht alles unbedingt "schlechter", vieles aber problematischer, wie die anhand von Daten in Österreich eindeutig belegbare, steigende Hochwassergefahr aufgrund der Zunahme der Regenmengen, wenn Starkniederschläge auftreten. Ebenso klar hat die Verdunstung zugenommen. (APA, 15.7.2026)
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