Elif Eralps Wahlsieg findet in der Türkei Widerhall

Fast aus allen türkischen Parteien bekam Elif Eralp am Montag Glückwünsche für ihren Wahlerfolg in Berlin. In der polarisierten politischen Landschaft der Türkei hat so viel Einigkeit Seltenheitswert. Ebenso selten sind lobende Worte der religiös-konservativen Regierungspartei AKP für eine Politikerin der deutschen Linken. Die Partei gehört sonst schließlich zu den schärfsten Kritikern von Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Ihre Abgeordneten sind wegen ihrer prokurdischen Positionen oft nicht gern gesehen.

Aber der Präsident versteht sich eben auch als Schutzherr der türkischstämmigen Einwohner Deutschlands. Und so lobten Abgeordnete seiner Partei Eralp, die Tochter türkischer Einwanderer, als eine Kämpferin gegen Rassismus und für die Rechte der Palästinenser.

Entsprechend ausführlich und freundlich berichteten die regierungsnahen Medien über den Wahlerfolg der Spitzenkandidatin der Linken im Rennen um das Bürgermeisteramt. Die Zeitung „Hürriyet“ sprach von einem „historischen Ergebnis“. Die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu veröffentlichte sogar ein Interview mit Eralps Mutter Hülya, die sich in den Siebzigerjahren in einer sozialistischen Partei und dem Gewerkschaftsverband DISK engagiert hatte und nach dem Militärputsch von 1980 mit ihrem Mann nach Deutschland geflohen war. Bei dem Putsch wurden alle politischen Parteien verboten.

Ein schwarzer Fleck in der Geschichte des Landes

Auch Erdoğan betrachtet ihn als schwarzen Fleck in der Geschichte des Landes. Etwa 55.000 politische Flüchtlinge aus der Türkei stellten damals Asylanträge in Deutschland, unter ihnen viele Kurden. Es war die zweite große Einwanderungswelle aus der Türkei nach dem Anwerbeabkommen von 1961. Die Menschen, die 1980 und 1981 kamen, sind mehrheitlich eher keine Erdoğan-Anhänger.

Glückwünsche bekam Eralp auch aus der linken prokurdischen DEM-Partei und von der Yeni Parti, der größten türkischen Oppositionspartei, die kürzlich aus der Republikanischen Volkspartei (CHP) hervorgegangen ist. Beide hoben Eralps Einsatz für bezahlbares Wohnen und soziale Gerechtigkeit hervor. Manche regierungskritische Kommentatoren warfen den regierungsnahen Medien wegen ihrer ausführlichen Berichte über Eralp Scheinheiligkeit vor.

„Hoffentlich wacht Deutschland endlich aus diesem Albtraum auf“

Sie vertraten die Meinung, dass die Linken-Politikerin mit ihren Positionen in der Türkei wohl inhaftiert werden würde. Insbesondere ihre Forderungen nach „Vergesellschaftung“ von Wohnungsbaukonzernen würde von der türkischen Regierung wohl als feindlicher Akt betrachtet, da die Baukonzerne zu den wichtigsten Stützen von Erdoğans Herrschaft zählen. Oppositionspolitiker verbanden ihre Glückwünsche mit dem Hinweis, dass der Bürgermeister der Partnerstadt Berlins, Istanbul, seit eineinhalb Jahren in Haft sitzt.

In der türkischen Berichterstattung fand der Sieg der Linken-Spitzenkandidatin auch deshalb so viel Widerhall, weil er vor dem Hintergrund des Vormarschs der AfD betrachtet wurde. Es wurde fast genauso ausführlich über die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern berichtet. Die Sorge vor einem Aufstieg der AfD und mögliche Folgen für Angehörige in Deutschland vereint die politischen Lager in der Türkei, auch wenn der AKP nachgesagt wird, dass sie gute Gesprächskanäle zu der Partei unterhält.

Es gibt eine ganze Reihe von türkischen Politikern, die in Deutschland aufgewachsen sind und die Entwicklungen genau beobachten. Zu ihnen gehört der Abgeordnete Mustafa Yeneroğlu. Er schrieb: „Es wäre allerdings ein großer Irrtum, aus diesen beiden Ergebnissen (in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern) zu schließen, dass der Aufstieg der AfD zum Stillstand gekommen ist.“ Der Komponist Fazıl Say äußerte dagegen: „Hoffentlich wacht Deutschland jetzt endlich aus diesem Albtraum auf.“