Blog der Österreichischen Nationalbibliothek
Ungarn 1956: Ein Moment der Hoffnung
Erich Lessings Fotografien prägen das visuelle Gedächtnis des Ungarnaufstandes. Sie zeigen aber nicht nur Gewalt, sondern auch Hoffnung
Blog
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Linus Rapp
Am Nachmittag des 23. Oktober 1956 organisierten Studierende in Budapest eine Demonstration. Wenige Tage davor war in Polen der gemäßigte Władysław Gomułka zum Chef der dortigen Arbeiterpartei gewählt worden – vorerst ohne Unterstützung der Sowjetunion. Schon zuvor, im Juli 1956, wurde der stalinistische Mátyás Rákosi als ungarischer Parteigeneralsekretär abgesetzt. Die Zeichen einer Liberalisierung in den kommunistischen Ländern Europas waren Teil der sogenannten "Tauwetter-Periode" nach dem Tod Stalins.1
In Teilen der ungarischen Öffentlichkeit weckten diese Entwicklungen Hoffnungen auf politische Veränderungen und mehr Selbstbestimmung. Vielerorts trafen sich Gruppen und diskutierten über nationalkommunistische Staatsmodelle und sogar die Neutralität – schließlich war Ungarn Teil eines engen militärischen Bündnisses, dem Warschauer Pakt, und auf seinem Staatsgebiet waren sowjetische Truppen stationiert.
Auch an den Universitäten machte sich eine Aufbruchsstimmung breit. Am 22. Oktober formulierte eine Versammlung Budapester Studierender einen Katalog an Forderungen. Sie verlangten unter anderem freie Wahlen, mehr nationale Unabhängigkeit und bürgerliche Rechte. Die Forderungen sollten am nächsten Tag auf der anfangs erwähnten Demonstration verlesen werden.2
Die Parteispitze wollte die Demonstration zunächst untersagen, lenkte aber schließlich ein. Die Protestierenden hatten ohnehin nicht auf die Erlaubnis gewartet, der Demonstrationszug zählte bald mehrere hunderttausend Menschen und die Stimmung schaukelte sich hoch. Als die Demonstrierenden vor dem Gebäude des Budapester Radios die Verlesung der Forderungen verlangten, wurden aus dem Haus Schüsse abgegeben. Die Teilnehmer:innen der Kundgebung stürmten daraufhin das Gebäude und der bewaffnete Aufstand begann.
Der gesamte Verlauf des Aufstandes mit all seinen Schauplätzen wurde bereits in zahlreichen Publikationen beschrieben.3 Die kurze Schilderung der Anfangsphase soll hier vor allem verdeutlichen, dass der Aufstand aus zunächst friedlichen Demonstrationen und politischen Forderungen hervorging. Für kurze Zeit schien eine politische Veränderung möglich. Einen solchen Moment der Hoffnung hielt Erich Lessing in jener Fotografie fest, die im Mittelpunkt dieses Beitrags steht.
Erich Lessing
Erich Lessing war am Abend des 23. Oktober noch nicht in Ungarn. Als einer der wichtigsten Pressefotografen Österreichs war er Mitglied der Agentur "Magnum Photos", einem illustren Kreis berühmter Bildreporter:innen, die ihre Fotografien selbst vertrieben.4 Über sein bewegtes Leben wurde bereits vieles publiziert, weshalb hier nur die für diesen Zusammenhang wesentlichen Aspekte genannt werden.5
Weil Lessing bei keinem Medium fest angestellt war, hatte er größere Freiheit zu fotografieren, was und wo es ihm sinnvoll erschien. Bevor er sich in den 1960er Jahren mehr der Oper und dem Fotobuch zuwandte,6 beschäftigte er sich intensiv mit politischen Themen und fotografierte immer wieder das Verhältnis zwischen politischer Macht und Bevölkerung. In seinen Reportagen spielte auch die in der Fotografie dieser Zeit wichtige Frage nach der "Conditio Humana" eine Rolle.7 Sehr wichtig war ihm dabei die Bedeutung von Symbolen – ein Interesse, das aus seiner Reportage zum Ungarnaufstand besonders sichtbar wird.8
Der Ungarnaufstand stellte einen Bruch im fotografischen Schaffen Lessings dar: Bis dahin lag sein fotografischer Schwerpunkt vor allem auf den kommunistischen Ländern Europas. In Ungarn jedoch erlebte er die Gewalt nah und unmittelbar, während des Aufstandes zählte auch mindestens ein ausländischer Fotojournalist zu den Opfern. Rückblickend stellte Lessing fest: "Ich wollte nie wieder Krieg und Revolution fotografieren. Es ist sinnlos. Ich habe zu viel gesehen."9
In den Jahren nach Stalins Tod machte Erich Lessing Bildreportagen in Polen, der DDR, der Tschechoslowakei und auch in Ungarn, wo er gute Beziehungen ins Außenamt hatte. Von der Kundgebung hörte er zuerst im Radio; zu dieser Zeit hielt er sich in Polen auf. Erst als er tags darauf erfuhr, dass der Abend in Ungarn gewaltsam geendet hatte, reiste er über Wien und Györ nach Budapest, wo er am 25. Oktober ankam.10
Seinen ersten Tag im umkämpften Budapest begannen Lessing und einige Kolleg:innen mit der Suche nach Versammlungen und Demonstrationen. Laut Lessing wurden sie auch fündig, allerdings wurden sie von Panzern verscheucht, bevor es die Möglichkeit gab, Fotografien zu machen.11 Die Bilder vom 25. bis 28. Oktober zeigen vornehmlich die Kampfhandlungen bzw. die zerstörten Straßenzüge in den Kampfpausen.
Erst viele Fotografien später tauchen die Bilder der Demonstration auf, die wir auch im "Besonderen Objekt" sehen. Der Aufstand und auch Lessings Bilder sind vor allem für Bilder von Toten, zerstörten Gebäuden und Panzern in den Straßen Budapests bekannt. Seine Beiträge im "LIFE"-Magazin, einer der wichtigsten Illustrierten der Zeit, zeigen Menschen, die kommunistische Symbole zerstören oder bewaffnet vor Panzern posieren.12 Die Kontaktabzüge erzählen jedoch noch eine andere Geschichte.
Protest und Panzer
Der Aufstand brachte nicht nur Zerstörung, Leid und Unterdrückung. Ende Oktober schien sich die Lage zunächst zu entspannen. Die sowjetische Führung signalisierte die Bereitschaft, über den Abzug ihrer Truppen zu verhandeln, während Ministerpräsident Imre Nagy weitreichende politische Reformen ankündigte. Für kurze Zeit schien eine politische Veränderung möglich, und viele Ungar:innen hofften, nun selbst über die Zukunft des Landes mitbestimmen zu können. In dieser Situation kam es zu spontanen Freudendemonstrationen. Lessing war vor Ort und hielt einen solchen Moment fest.
Das hier gezeigte Bild unterscheidet sich von vielen klassischen Pressefotografien politischer Demonstrationen. Anders als Aufnahmen, die einen Überblick über die Größe einer Menschenmenge geben, beschäftigt sich Lessings Fotografie mit einzelnen Demonstrierenden. Er befindet sich mitten im Geschehen und rückt ihre Gesichtsausdrücke und Gesten ins Zentrum. Es sind keine Politiker, oder anderen prominenten Akteure, sondern Menschen, deren Namen wir nicht kennen.
Gerade diese Nähe bestimmt die Wirkung der Aufnahme. Die Menschen gehen Schulter an Schulter, zahlreiche Hände sind erhoben, die Münder zum gemeinsamen Ruf geöffnet. Gestik und Mimik vermitteln den Eindruck von Aufbruch und Euphorie. An diesem Tag konnten sich die Menschen Hoffnung auf politische Veränderung machen und feierten das auf der Straße. Lessings Interesse an der Neuaushandlung von Macht während des Ungarnaufstandes wird hier besonders deutlich.13
Interessant ist, dass Lessing gerade dieses Bild für Abzüge und Publikationen auswählte. Bei näherem Hinsehen fällt auf, dass der Film fehlerhaft und das Bild mit Flecken überzogen ist – alle anderen Fotografien der Demonstration weisen diese Spuren nicht auf. Warum er sich dafür entschied, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Möglicherweise waren es die ähnlich erhobenen Hände und die zum gemeinsamen Ruf (vermutlich das von 1849 wiederverwendete "Előre!")14 geöffneten Münder, die genau dieses Foto für Lessing so besonders machten. Die technische Qualität scheint bei seiner Auswahl jedenfalls nicht allein ausschlaggebend gewesen zu sein.
Der Blick auf den Kontaktabzug dient nicht nur dem Vergleich der Einzelbilder, sondern hilft auch, ihren Aufnahmekontext zu rekonstruieren. Ganz besonders bei diesem Kontaktabzug wird klar, wie komplex und vielschichtig der Ungarnaufstand war. Die Fotoserie der Demonstration ist eingerahmt von Bildern mit Panzern, die durch die zerstörten und mit Schutt überzogenen Straßen Budapests fahren.
Gerade das Zusammenspiel von Abzug und Kontaktabzug macht "Das besondere Objekt" so aufschlussreich: Der Abzug verdichtet einen kurzen Augenblick der Hoffnung zu einem eindringlichen Bild. Der Kontaktabzug führt zurück in den Ablauf der Reportage und zeigt, wie nah Hoffnung, Gewalt und Zerstörung in diesen Tagen beieinanderlagen.
Der Abzug mit der Signatur "PK 4583, 100" und der dazugehörige Kontaktabzug werden gemeinsam als "Das besondere Objekt" im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigt. Es ist Teil der Fokusausstellung "Brücke der Menschlichkeit. Österreich und der Ungarnaufstand 1956", die vom 14. Oktober 2026 bis 10. Jänner 2027 präsentiert wird.
Lessings Pressefotografien sind Unesco-Weltdokumentenerbe15 und werden in Bildarchiv und Grafiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek verwahrt. (Linus Rapp, 22.10.2026)
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