Als der an der Universität Kapstadt lehrende Historiker Shamil Jeppie vor rund zwanzig Jahren in den Suchkatalogen einiger großer europäischer Bibliotheken die Kombination der Wörter „Timbuktu“ und „Bücher“ eingab, erhielt er keinen Treffer. Afrikanische Geschichte und Buchgeschichte sind bis heute Themenfelder, die sich kaum überschneiden. Noch immer ist die Auffassung weit verbreitet, dass es in Afrika bis zum Aufkommen des Kolonialismus gar keine Schriftkultur gegeben habe.
Selbst neuere, globalgeschichtliche Studien lassen in der Regel eine bedeutende westafrikanische Buchkultur völlig außer Acht, die sich vor allem mit dem Namen Timbuktu verbindet. Für Jeppie steht die Stadt im Norden des heutigen Mali für eine weitaus umfassendere Schriftkultur, die sich von Marrakesch im Norden bis zu Sokoto im jetzigen Nigeria im Süden erstreckte.
Timbuktu spielte in europäischen Vorstellungen vom afrikanischen Kontinent zwar durchaus eine besondere Rolle. Doch galt die Stadt vor allem als geheimnisvoller Ort, an dem man unermessliche Goldvorkommen vermutete und den man deswegen erreichen und erobern wollte. Dieser Mythos blieb bis zum Beginn der europäischen Kolonialherrschaft nahezu ungebrochen, obwohl Leo Africanus, der legendäre, aus Granada stammende Reisende, Diplomat und Schriftsteller, bereits nach seinem Besuch im frühen sechzehnten Jahrhundert festgestellt hatte, dass Bücher, nicht Gold, das wertvollste Gut der Stadt seien.
Erste Handschriften um 1500
Diese Bücher – handgeschrieben und handkopiert, lose Blätter, oft durch sorgfältig gearbeitete Lederumschläge zusammengehalten – stehen im Zentrum von Jeppies ebenso anregender wie informativer Darstellung. Er beschreibt ihre wichtigsten Autoren sowie die von ihnen behandelten Themen und rekonstruiert, wie sie verbreitet, gesammelt und aufbewahrt wurden. Auf diese Weise eröffnen sich faszinierende Einblicke in eine über Jahrhunderte existierende Kultur der Gelehrsamkeit, des intellektuellen Austauschs und der Weitergabe von Wissen, die sich in Teilen bis in die Gegenwart fortsetzt.

Die ersten Belege für Schriftkultur in der Region um Timbuktu liefern Grabsteine mit arabischen Inschriften aus dem frühen elften Jahrhundert. Auf Papier oder Pergament verfasste Handschriften lassen sich erstmals für die Zeit um 1500 nachweisen. Für diese und spätere Epochen sind Aussagen über die Alphabetisierungsrate schwer zu treffen. Doch deutet die Vielfalt der schriftlichen Werke und der gewandten Ausdrucksweise in Prosa und Lyrik, die nur wenige Dekaden später anzutreffen ist, auf eine bereits tief verwurzelte Schriftkultur hin.
Das Schreiben diente zwar auch dazu, Gebete für den allgemeinen Gebrauch festzuhalten. Es gab Prediger und Lehrer, die ihre Schreibfertigkeiten für magische und heilende Zwecke einsetzten und nicht für wissenschaftliche Anliegen. Jeppies Studie konzentriert sich jedoch auf die Werke von Gelehrten, die mittels ihrer Schriften theologische und rechtliche Standpunkte darlegen und diskutieren wollten. Dabei formulierten sie gelegentlich, wie der eminente islamische Rechtsgelehrte Ahmed Baba (1556–1627), dessen Leben und Œuvre Jeppie ausführlich würdigt, markante Einschätzungen über die Herrschenden: „Hütet euch vor dem Sultan, denn er wird wütend wie ein kleiner Junge, greift aber an wie ein Löwe.“
Rettung der Bücher vor den Islamisten
In das Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit gerieten die Handschriften erst im Sommer 2012. Die Manuskripte, warnte damals die UNESCO, seien durch die Islamisten bedroht, die seit einigen Monaten Timbuktu okkupiert und bereits wertvolle Denkmäler in Schutt und Asche gelegt hatten. Die Rebellen zeigten dann zwar nur wenig Interesse an der Zerstörung der Manuskripte, Berichte über brennende Bücher erwiesen sich als Fake News. Dennoch begannen Archivare und Familien, Teile ihrer Bestände heimlich aus der Stadt zu schaffen.

Bald machte eine unwiderstehliche Geschichte in den internationalen Medien die Runde: Viele Hunderte, vielleicht sogar Tausende von mit Manuskripten gefüllten Blechkisten verließen demnach Timbuktu auf Eselskarren, überquerten dann in völliger Dunkelheit den Niger zu den am gegenüberliegenden Ufer wartenden Taxis und wurden schließlich in die Hauptstadt Bamako in Sicherheit gebracht. Die Buchliebhaber von Timbuktu hatten scheinbar ihr Leben riskiert, die Rebellen ausgetrickst und ihr Kulturerbe gerettet. Ein Kampf von Gut gegen Böse, der in Europa und den Vereinigten Staaten gut ankam, wobei Jeppie behutsam auf Widersprüche und Ungereimtheiten in den Berichten über die Rettungsaktionen verweist.
Das Buch in Westafrika war kein Importgut
Auch nach der Vertreibung der Islamisten durch die französische Armee ging der Transport von Manuskripten nach Bamako weiter. Um die Integrität ihrer Sammlungen zu wahren, kamen die Besitzer, vermutet Jeppie, nach dem vorläufigen Ende des Konflikts wahrscheinlich zu dem Schluss, dass es besser sei, die Sammlungen an einem Ort zusammenzuhalten.
Diese Mobilität des Materials ist allerdings, das zeigt seine Studie anhand vieler Beispiele, nichts Neues. Timbuktu war schon immer ein Knotenpunkt in einem größeren Kontext nomadischer Wanderungen, die Gelehrte und ihre Handschriften einschlossen. Bücher wurden stets von ihren Autoren und Besitzern mitgeführt, manchmal über weite Strecken. Und sie wurden regelmäßig ausgeliehen, per Hand kopiert und dann an ihre Besitzer zurückgegeben.
Das Buch in Westafrika in der „Frühen Neuzeit“ war, das zeigt „Writing Timbuktu“ eindrücklich, kein Importgut, kein fremder Gegenstand, sondern das Produkt von lokalen Autoren und Kopisten. Diese Schriftsteller kamen nicht auf Kamelen aus dem Mittelmeerraum oder aus den nordafrikanischen Bildungszentren an der Küste, um mündliche Kulturen zur Schriftkultur zu bekehren. Ihre ethnischen und sprachlichen Identitäten waren vielfältig, und Behauptungen, einem „arabischen“ Stamm anzugehören, tauchen in den Genealogien aus Timbuktu kaum auf. Die Art und Weise, wie ein Buch hergestellt wurde – stets als lose Blätter und in arabischen Schriften, die rein regional geprägt waren –, prägte jahrhundertelang die Buchkultur dieses Teils des Kontinents, auch noch, als mit der Kolonialherrschaft das gedruckte Buch stärkere Verbreitung fand.
Während das klassische Arabisch die Sprache der Gelehrsamkeit war – vergleichbar mit dem Latein in Europa zur gleichen Zeit –, gibt es auch Beispiele für Texte in regionalen Sprachen, die in arabischer Schrift verfasst wurden. Zumeist handelte es sich dabei nicht um Prosawerke, sondern um Gedichte, die dazu dienten, klassische Texte zu kommentieren. Was das Genre betrifft, stehen die Werke in den Traditionen islamischer Gelehrsamkeit, doch waren sie nicht bloß Kopien von Texten, die in Fès oder Kairo verfasst wurden. Die Gelehrten aus Timbuktu arbeiteten in ihrem eigenen Kontext und setzten sich mit lokalen Themen auseinander. Die Buchkultur von Timbuktu war sowohl islamisch als auch westafrikanisch – zu behaupten, sie sei nur das eine oder das andere, hieße, ihre reiche Komplexität zu ignorieren.
Shamil Jeppie: „Writing Timbuktu“. The Book in West African History. Princeton University Press, Princeton 2026. 240 S., Abb., geb., 26,56 €.