Es wird sofort stressig

Die deutschen Volleyballer gehen mit einem ganz besonderen Titel in die anstehende Europameisterschaft. Sie sind zwar weder Welt- noch Europameister, aber sie sind neuerdings Gewinner und damit Titelträger des weltweit und historisch längsten Satzes, der jemals in einem offiziellen Volleyballmatch gespielt wurde. Das ist jetzt zwei Wochen her.

Bei einem EM-Vorbereitungsturnier besiegten sie ihre italienischen Gastgeber im ersten Satz mit 66:64. Er allein hat 89 Minuten gedauert. Beim Volleyball ist bekanntlich ein Satz, der eigentlich bis 25 geht, in der Verlängerung erst dann gewonnen, wenn man zwei Punkte Vorsprung erspielt hat. Das war hier erst beim 66:64 der Fall, 130 Punkte wurden ausgespielt, 28 Satzbälle wehrte die deutsche Mannschaft ab. Sie selbst nutzte ihren 15. Satzball, Tobias Brand erzielte den historischen Punkt. „Mental und was unsere Kondition angeht“, sagte der Außenangreifer hinterher, „war das ein sehr guter Test.“ Das Spiel verlor das deutsche Team am Ende 2:3 – nach dreieinhalb Stunden.

Volleyball-Weltrekord

:Der erste Satz endet 66:64

89 Minuten, 43 abgewehrte Satzbälle: Das deutsche Volleyball-Nationalteam gewinnt gegen Weltmeister Italien einen höchst spektakulären Satz. Danach sind alle ganz perplex.

Kommen die deutschen Volleyballer mit diesem Monstersatz ins ‚Guinness-Buch der Rekorde‘? Für solche Gedanken haben sie aktuell gar keine Zeit. An diesem Donnerstag geht für sie nämlich die EM los, und die wird gleich stressig. In der rumänischen Stadt Cluj-Napoca tritt das Team binnen sechs Tagen gegen fünf Kontrahenten an, und je mehr dieser fünf Gruppenspiele es gewinnt, desto größer ist anschließend im Achtelfinale die Chance, sich gegen eine halbwegs bezwingbare Mannschaft für das Viertelfinale zu qualifizieren.

Dieses Viertelfinale ist das Ziel der deutschen Volleyballer. „Ich glaube, wir gehören unter die Top acht“, sagt Kapitän Jan Zimmermann. „Wir wollen mindestens ins Viertelfinale“, setzt Außenangreifer Moritz Reichert noch einen drauf. Und ist der neue Bundestrainer Massimo Botti vielleicht noch mutiger? Nein, der Italiener, 53, legt sich lieber nicht fest. „Wir sind nicht der Favorit, aber wir haben Potenzial“, sagt der Nachfolger von Michal Winiarski. Mitte Mai hat Botti, auch Coach beim polnischen Klub Asseco Resovia Rzeszow, seinen Dienst angetreten.

Georg Grozer fehlt verletzt, doch das soll kein Nachteil sein

Mit Prognosen und Zielen, noch dazu unter einem neuen Trainer, ist das bei Volleyballturnieren so eine Sache. „Wenn man mal ins Rollen kommt, können besondere Dinge entstehen“, sagt Zimmermann und verweist auf die Olympischen Spiele 2024, als man gegen den Gastgeber und späteren Olympiasieger Frankreich erst im Viertelfinale unglücklich mit 2:3 ausschied. Ein Jahr später bei der Weltmeisterschaft hätten die Deutschen dann die Chance gehabt, die olympischen Dämonen zu besiegen, doch schieden sie bereits in der Vorrunde aus.

Diesmal, bei einer EM, die bis zum 26. September in Rumänien, Finnland, Bulgarien und Italien ausgetragen wird, möchten sie wieder angreifen. „Wenn man ein Momentum entwickelt, kann viel passieren“, sagt Reichert. Er glaubt nicht, dass der verletzungsbedingte Ausfall des Routiniers Georg Grozer, 41, dafür ein Hinderungsgrund sein muss. „Er fehlt uns als Führungsfigur“, räumt Reichert ein, aber man spiele schon den ganzen Sommer ohne ihn: „Wir haben uns jetzt auch so gut eingespielt. Es muss jeder seinen Teil dazu beitragen, das zu kompensieren“. Kapitän Zimmermann findet Grozers Ausfall zwar „nicht optimal“, nennt die Konstellation aber „auch eine Chance, es mit mehreren Persönlichkeiten aufzufangen – eine Chance für uns alle“.

Die Türkei (11. der Europa-Rangliste), Lettland (28.), Rumänien (18.), die Schweiz (16.) und Olympiasieger Frankreich (5.) sind die fünf Vorrundengegner. Sollte der Ranglistenachte Deutschland dann unter den ersten Vieren dieser Gruppe stehen, könnte es im Achtelfinale gegen Titelverteidiger Polen (Zweiter der Europa-Rangliste), Bulgarien (7.), die Ukraine (14.) oder Israel (17.) weitergehen. Halbfinale und Medaillenspiele sind Ende September in Mailand. Eine Medaille haben deutsche Volleyballmänner schon länger nicht mehr gewonnen: 2014 Bronze bei der WM und 2017 Silber bei der EM.

Die Europameisterschaft in diesem September und die WM 2027 in Polen sind Stationen, die die deutschen Volleyballer auf einem übergeordneten Weg erfolgreich nehmen wollen: zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles. „Diese Turniere markieren den Weg zu Olympia“, sagt Kapitän Zimmermann, „und Olympia ist das große Ziel unserer Spielergeneration.“ Auch Reichert nennt Olympia „eine große Motivation“. Vielleicht hilft ja auch das beim Momentum-Aufbau.

Und der Weltrekordsatz, das 66:64 – hilft das auch? „Das war eine Nervenschlacht“, sagt Reichert, „da haben wir viele Drucksituationen gemeistert.“ Drucksituationen, wie sie auch bei der EM entstehen werden. Reichert ist sich sicher: „Wir sind bereit!“

Deutscher Kader

Jan Zimmermann, Johannes Tille (Zuspiel), Moritz Reichert, Moritz Karlitzek, Tim Peter, Tobias Brand, Theo Mohwinkel, Erik Röhrs (alle Außenangriff), Yann Böhme (Diagonalangriff), Tobias Krick, Florian Krage-Brewitz, Anton Brehme, Simon Torwie (alle Mittelblock), Ruben Schott (Libero).

Spielplan

Donnerstag Türkei (19 Uhr), Freitag Lettland (16 Uhr), Samstag Rumänien (19 Uhr), Montag Schweiz (16 Uhr), Dienstag Frankreich (19 Uhr, alle Spiele kostenpflichtig bei sporteurope.tv).