Von Presspappe, Papa und Pokalen: Bernard Dietz zu Gast beim Hammer Geschichtsverein

Stand: 19.07.2026, 06:00 Uhr

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Bernard Dietz - Hammer Geschichtsverein bei der SG Bockum-Hövel - links Michael Frank ?, Bernard Dietz, Petra Dietz, ? Christian Fecke

Gruppenbild mit Europameister (von links): Michael Frank (SG Bockum-Hövel), Christina Elberg (Hammer Geschichtsverein), Bernard Dietz, Petra Dietz, Birgit Borgmann (Vorsitzende Ausschuss Schule, Ausbildung Sport und Freizeit) und Moderator Christian Fecke. © Günter Thomas

Der Europameister von 1980 erzählt auf Einladung des Hammer Geschichtsvereins von Kindheit und Karriere, von der Heimat Bockum-Hövel und dem EM-Titel in Rom.

Hamm – Die Sache mit dem Pokal hat Bernard „Ennatz“ Dietz früh geübt. Damals, als Neunjähriger, in der Goethestraße. „Wir hatten eine Straßenmeisterschaft, da wurde die ganze Woche gespielt, und samstags war das Endspiel“, schildert Dietz. „Ich hatte aus Presspappe einen Pokal geschnitten – und als wir gewonnen haben, sind wir zu viert auf einem Fahrrad jubelnd durch die Goethestraße gefahren. Ich saß auf dem Lenker und habe den Pokal in die Luft gehalten.“ 23 Jahre später war der Junge aus der Bockum-Höveler Zechensiedlung Europameister und streckte wieder eine Trophäe zum Himmel: dieses Mal den EM-Pokal – als Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Bernard Dietz und Moderator Christian Fecke - Hammer Geschichtsverein

Heiß begehrt: die Autogramme von Bernard Dietz. © Günter Thomas

Die eine Szene ging um die Welt. Die andere ist in der Rückschau des heute 78-Jährigen eine private, aber mindestens ebenso berührende. Für solche Geschichten waren die rund 90 Besucher am Donnerstag ins Vereinsheim der SG Bockum-Hövel gekommen. Die Idee, den Abend unter dem Titel „Bernard Dietz: Von der Kindheit und Jugend in Hövel bis zum Europameister!“ im Rahmen der Feierlichkeiten zu 800 Jahre Hamm zu veranstalten, kam Christina Elberg vom Hammer Geschichtsverein. Nach den einleitenden Worten von Bürgermeisterin Monika Simshäuser führte sie gemeinsam mit Sport-Moderator und Bürgermeister Christian Fecke, selbst ein Fußballerleben lang beim SVA Bockum-Hövel aktiv, durch das Programm.

Ich saß vorne auf dem Lenker und habe den Pokal in die Luft gehalten.

Dietz ließ das Publikum bereitwillig in seine Welt eintauchen. Ließ es teilhaben an diesem Leben des jüngsten von neun Kindern, das sein Vater damals zur Seite genommen hatte, um ihn wissen zu lassen: „Du warst ja nicht mehr geplant – aber du bist Papas Bester.“

Papa Franz behält Recht

Papa Franz sollte – zumindest fußballerisch gesehen – Recht behalten. Der Weg zum Profi führte „Ennatz“ aber erst durch die Lehre des Lebens. Einer, der das Talent früh erkannt hatte, war Bernd Tauber. Der erinnerte sich an jedes Straßenspiel aus den 50er Jahren. „Aber die Goethestraße war die beste – da hat Ennatz gespielt. Er hatte damals schon die Fähigkeit, den Ball so abzuschirmen, dass kein anderer drankam.“

Bernard Dietz - Hammer Geschichtsverein, Moderation Christian Fecke und Christiane Elberg (Hammer Geschichts-Verein)

Voll besetzt war das Clubheim der SG Bockum-Hövel. © GUENTER THOMAS

Mit zehn Jahren durfte er endlich in den Verein – beim SV Bockum-Hövel spielte er fortan bis zu den ersten Seniorenjahren. Als er 14 wurde, war die Schule aus, und die Lehre begann. „Ich habe erst den Vorschlaghammer gar nicht hochbekommen“, so Dietz. Auch das eine Übung für später.

Vier Tore beim 6:3 gegen die Bayern

Erst im zweiten Teil kam der rasante Werdegang zum Profi zur Sprache. Und auch diese Geschichten erweckte Dietz erneut zum Leben: Warum im Aufstiegsspiel zur Landesliga vor tausenden Menschen nach dem Siegtreffer durch seinen Onkel Freddy Skibba ein Tor zusammenbrach (jemand sprang vor Freude dran). Wie er in einer Saison als Linksaußen 41 Tore erzielte. Wie er dem 1. FC Köln, der ihn wollte, aber zunächst verleihen (ja, das gab es damals auch schon), dankend abgesagt hatte. Wie er kurz darauf beim MSV Duisburg zunächst auch keinen Profivertrag mehr wollte, weil er für die deutsche Amateur-Nationalmannschaft nominiert worden war und als Profi dann nicht bei Olympia 1972 in München spielen durfte. Wie er doch unterschrieb, und im ersten Bundesligaeinsatz gegen Nationalverteidiger Horst-Dieter Höttges spielte, der ihn gleich mal wegrasierte, so dass er dachte: Das war eine kurze Profi-Karriere. Wie dann diese Flanke von rechts kam „und ich so hochgesprungen bin wie noch nie und den Ball ins Tor geköpft habe“. Wie er später, umgeschult zum Linksverteidiger, den Bayern beim 6:3-Sieg vier Tore eingeschenkt hat. Und der Sepp Maier Dietz-Gegenspieler Kalle Rummenigge beim nächsten DFB-Lehrgang „nur grinsend vier Finger gezeigt hat, als ich in die Kabine kam“. Wie er das erste Mal die Nationalmannschaft aufs Feld führen durfte: „Da habe ich zu meiner Frau Petra gesagt: Pack die Mutter ein, ich bin Kapitän. Und habe im Spiel den Arm so hoch getragen, dass ich fast einen Krampf gekriegt habe.“ Und schließlich, wie er nach dem 2:1-EM-Sieg 1980 gegen Belgien an der zum Glückwunsch ausgestreckten Hand der belgischen Königin Fabiola vorbeigelaufen ist, weil er nur noch den Pokal gesehen hat.

Bernard Dietz und Moderator Christian Fecke - Hammer Geschichtsverein

Blumen für die Gattin: Michael Frank von der SG überreicht einen Dankesstrauß an Petra Dietz. © Günter Thomas

Nach dem Triumph ging es erschöpft in die Heimat. Ausruhen? Nicht möglich. In Walstedde war schließlich Schützenfest. „Die sind mit einer Kutsche vorbeigekommen“, sagt Dietz. „Und dann ist es doch vier, fünf Uhr geworden.“ Der tosende Applaus im Raum bestätigte: Auch dieses Mal hätte es noch spät werden können.