Warum Frauen im Alter oft zufriedener mit dem Single-Leben sind

Frauen glücklicher als Single? Warum das Single-Leben mit dem Alter attraktiver werden kann

Durchforstet man das Internet nach Lebensweisheiten älterer Menschen, stößt man neben Ratschlägen zu großen Reisen und der Wahl der richtigen Partner:innen immer wieder auf einen bemerkenswerten Tipp, besonders von älteren alleinstehenden Frauen: lieber Single bleiben und sich Stress und Sorgen ersparen. Tatsächlich scheint das Single-Leben mit zunehmendem Alter für viele attraktiver zu werden. Eine Studie von Yoobin Park, Postdoktorandin im Netzwerk für emotionales Wohlbefinden, und ihren Kolleg:innen kommt etwa zu dem Ergebnis, dass die Zufriedenheit mit dem Single-Sein ab dem mittleren Erwachsenenalter steigt. Blickt man auf weitere Forschung zu diesem Thema, entsteht zudem der Eindruck, dass dieser Effekt bei Frauen besonders ausgeprägt sein könnte.

Aber stimmt das wirklich? Werden Menschen mit dem Alter zufriedener mit dem Single-Leben – und Frauen vielleicht noch mehr als Männer? Und wenn ja: Welche psychologischen und gesellschaftlichen Gründe könnten dahinterstecken? VOGUE hat bei einer Expertin nachgefragt.

Frauen glücklicher als Single? Das sagen Studien – und so ordnet das eine Forscherin ein

Ganz so eindeutig ist die Studienlage nicht, sagt Dr. Iris Wahring, Forscherin an der Universität Wien, mit Blick auf den sogenannten romantischen Gender-Gap. Denn: "Wenn wir auch andere Studien hinzuziehen als die von Yoobin Park und Kolleg:innen, sieht es eher so aus, dass die Zufriedenheit mit dem Single-Leben vom Jugendalter bis ins junge Erwachsenenalter zunächst abnimmt." Ab dem mittleren Erwachsenenalter scheint sie jedoch wieder zuzunehmen. In der Studie von Yoobin Park und Kolleg:innen zeigt sich dieser Anstieg sowohl bei Männern als auch bei Frauen, eine andere Untersuchung deutet hingegen darauf hin, dass sich diese Entwicklung nur bei Frauen beobachten lässt.

Erklären lässt sich dieses Auf und Ab der Zufriedenheit laut Wahring zum einen durch Normativität. "Im Übergang zum Erwachsenenalter steht Partnerschaft immer mehr im Fokus, und während im Jugendalter die meisten noch nicht verpartnert sind, nimmt die Single-Rate mit dem Alter zunächst stark ab und bleibt dann länger konstant bei um die 20 Prozent", weiß sie. Diese Norm, im jungen Erwachsenenalter eine feste Beziehung einzugehen, könne für niedrigere Zufriedenheit mit dem Single-Leben sorgen, "gerade in dieser Zeit des Wandels, wenn um einen herum alle Partnerschaften eingehen, aber man selbst Single bleibt".

Aber: Viele Personen, die auch im mittleren Erwachsenenalter Single bleiben, könnten sich mit ihrer Situation arrangieren und sie positiver erleben, sagt sie. Umgekehrt werden auch einige Verpartnerte nach längerer Zeit wieder freiwillig zu Singles und genießen die neu gewonnene Freiheit. "Im hohen Alter folgt dann wieder ein Anstieg der Single-Rate, angetrieben durch Verwitwung", erklärt die Expertin.

Im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Normen spielt ihrer Einschätzung nach auch eine wichtige Rolle, dass sich viele Menschen Kinder wünschen und diesen Wunsch nach wie vor meist innerhalb einer Partnerschaft verwirklichen möchten. Aber sobald Menschen Kinder bekommen haben oder die biologische Phase der Familiengründung weitgehend abgeschlossen ist – also etwa ab dem mittleren Erwachsenenalter –, nimmt der gesellschaftliche Druck, eine Partnerschaft einzugehen, häufig wieder ab. Entsprechend könnte auch die Zufriedenheit mit dem Single-Leben steigen.

Erleben Frauen das Single-Leben im höheren Alter anders als Männer?

In der Forschung finden sich immer wieder Hinweise darauf, dass Frauen mit dem Single-Leben zufriedener sind und einen niedrigeren Partner:innenwunsch haben, bestätigt auch Wahring. Jedoch sei das in jeder Altersgruppe der Fall. "Frauen erleben das Single-Sein also insgesamt positiver", erklärt sie. Weniger eindeutig ist hingegen, ob sich dieser Geschlechterunterschied mit dem Alter verändert: “Beispielsweise findet die Studie von Yoobin Park und Kolleg:innen keinen Anstieg des Geschlechterunterschieds mit dem Alter, eine andere erwähnte Studie findet aber, dass bei älteren Frauen die Single-Zufriedenheit höher ausfällt als bei jüngeren Frauen, während Männer jeden Alters etwa so zufrieden sind wie junge Frauen.”

Sind Frauen glücklicher single? Diesen Einfluss haben Freundschaften auf die Zufriedenheit

Nehmen wir mal an, Frauen sind glücklichere Singles als Männer. Wie ließe sich das erklären? Laut Wahring gibt es aus der Forschung einige Hinweise darauf, dass die engen sozialen Beziehungen von Frauen die Geschlechterunterschiede hinsichtlich der Zufriedenheit erklären. “Das Bedürfnis nach emotionaler Nähe, ein grundlegendes Bedürfnis, das Männer und Frauen gleichermaßen haben, wird oft insbesondere in Partnerschaften gesucht, kann aber ebenso gut in engen Freundschaften erfüllt werden.” Frauen haben häufiger solche engen Freundschaften, so die Expertin, also Freund:innen, denen sie sich öffnen und von denen sie sich unterstützt, verstanden und wertgeschätzt fühlen.

Macht Unabhängigkeit das Single-Leben von Frauen attraktiver?

Gerade bei Frauen, die sich im mittleren oder höheren Erwachsenenalter von langjährigen Partner:innen trennen, kann das Single-Leben als eine Art Befreiung erlebt werden, so Wahring. Denn häufig ist Care-Arbeit in Partnerschaften zwischen Mann und Frau immer noch nicht fair aufgeteilt. “Eine Frau, die sich von einem:einer Partner:in trennt, mit dem:der sie zusammengelebt hat, muss auf einmal weniger Haushaltsaufgaben übernehmen als zuvor, weil sie eben nicht mehr Aufgaben für den:die Partner:in erledigen muss.” Dadurch hat sie mehr Zeit für sich, mehr Freizeit. “Bei vielen Männern läuft es genau umgekehrt, in der Partnerschaft haben sie noch davon profitiert, dass jemand anderes ihnen viele Aufgaben abnimmt.” Und ohne Partnerschaft müssen sie dann viele Aufgaben plötzlich selbst übernehmen.

Wie und warum sich der Wunsch nach Beziehung im Laufe des Lebens wandelt

Der Wunsch nach einer Partnerschaft hängt eng mit der Zufriedenheit mit dem Single-Leben zusammen. Klar: Wer sich nach einer Partnerschaft sehnt, ist tendenziell weniger zufrieden mit dem Single-Leben, und umgekehrt. “Entsprechend ist auch die Entwicklung ähnlich: Vom Jugendalter ins junge Erwachsenenalter nimmt der Partner:innenwunsch zu, ab dem mittleren Erwachsenenalter nimmt der Partner:innenwunsch dann wieder ab.” Erfahrungen aus früheren Beziehungen können da laut Wahring ebenfalls prägend sein, allerdings sei es wohl eher recht individuell, wie genau diese Erfahrungen den Partner:innenwunsch prägen. “Manche Personen entwickeln etwa nach enttäuschenden Beziehungen eine stärkere Skepsis und bevorzugen die Autonomie des Single-Daseins, während andere gezielter nach passenden Partner:innen suchen.”

Macht Partnerschaft Männer und Frauen unterschiedlich glücklich?

All das widerspricht nicht der häufig zitierten Aussage, dass Menschen in Beziehungen im Durchschnitt glücklicher sind. Zahlreiche Studien zeigen, dass sowohl Männer als auch Frauen ein höheres Wohlbefinden berichten, wenn sie in einer Partnerschaft leben. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied: "Dieser Vorteil ist bei Männern stärker ausgeprägt, sie profitieren also vermutlich mehr von einer Beziehung", erklärt Wahring. Auch Längsschnittstudien deuten darauf hin, dass das Wohlbefinden beim Übergang vom Single-Leben in eine Partnerschaft typischerweise steigt – bei Männern fällt dieser Anstieg im Durchschnitt jedoch deutlicher aus.

Das heißt: Frauen können mit dem Single-Leben im Durchschnitt zufriedener sein als Männer und gleichzeitig selbst von einer Partnerschaft profitieren. Der entscheidende Punkt ist weniger, ob Beziehungen grundsätzlich glücklicher machen, sondern wie stark sich der Beziehungsstatus auf das Wohlbefinden auswirkt. Und genau dieser Effekt scheint bei Männern größer zu sein. Ob sich dieser Unterschied mit zunehmendem Alter noch verstärkt, ist bislang allerdings nicht eindeutig geklärt.

Mehr Themen auf VOGUE.de:

Urlaub mit FreundinnenTag der Freundschaft, zwei Frauen springen ins Wasseralleinerziehnde mütter