„Weckruf für die Rente“: Linke schlägt wegen möglichem Milliardenverlust bei Krankenkassen Alarm

„Weckruf für die Rente“: Fehl-Investition von Krankenkassen – Linke-Chefin schlägt Alarm

Stand: 10.09.2026, 21:45 Uhr

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Bis zu 1,1 Milliarden Euro Schaden könnten Krankenkassen drohen. Kritiker sehen Kontrollversagen und warnen vor Risiken für die Rente. Die Linke wird deutlich.

Berlin – Nach der Enthüllung mutmaßlich milliardenschwerer Verluste bei den gesetzlichen Krankenkassen verschärft sich der politische Druck auf die Bundesregierung. Im Zentrum steht die Frage, wie Beitragsgelder der Versicherten trotz strenger gesetzlicher Vorgaben an Finanzmärkten entwertet werden konnten. Die Linke-Vorsitzende Ines Schwerdtner sieht darin einen ernsten Weckruf auch für die gesetzliche Rente, wie sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt.

Ines Schwerdtner

Findet angesichts der Fehl-Investitionen der Krankenkasse deutliche Worte: Linke-Chefin Ines Schwerdtner. (Archivbild) © Bernd von Jutrczenka/dpa

Bei den Versichertengeldern der Krankenkassen drohten Milliardenverluste, „weil angesichts klammer Kassen die Risiken ausgeblendet wurden. Das ist das Geld, das die Menschen jeden Monat mühsam mit ihren Beiträgen aufbringen und das eigentlich für ihre Gesundheitsversorgung da sein sollte“, sagte die Linken-Politikerin. „Dass ausgerechnet jetzt über höhere Beiträge und Leistungskürzungen gesprochen wird, während gleichzeitig Versichertengelder am Finanzmarkt verzockt wurden, ist ein Skandal.“

Krankenkassen droht womöglich Milliardenverlust: Linke spricht von „Skandal“

Anlass für die scharfe Oppositionskritik ist eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion, aus der NDRWDR und SZ zitierten. Darin beziffert das Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) den potenziellen Schaden allein für die 58 von ihm beaufsichtigten, bundesweit agierenden Krankenkassen auf bis zu 1,1 Milliarden Euro. Insgesamt zwölf Krankenkassen sollen demnach rund 900 Millionen in Schuldscheindarlehen und elf Krankenkassen insgesamt 200 Millionen Euro in Inhaberschuldverschreibungen investiert haben.

Mit der Zinswende im Jahr 2022 traten bei diesen Kapitalanlagen drastische Leistungsstörungen auf, wodurch Renditeziele verfehlt wurden oder sogar der Totalverlust drohte. Da regionale Krankenkassen sowie die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen nicht unter die Aufsicht des BAS fallen, könnte der Gesamtschaden im Gesundheitssystem weit höher liegen. Dabei klafft gerade im Krankenkassensystem ein Milliarden-Loch.

Schwerdtner leitet aus dem Fall weitreichende Konsequenzen für die Renten-Reform der Koalition ab: „Dieser Fall muss auch ein Weckruf für die Rente sein und die Bundesregierung muss bei ihren Rentenplänen eine Kehrtwende einschlagen. Es darf nicht sein, dass nun auch die Altersvorsorge der arbeitenden Menschen den Risiken des Finanzmarkts ausgesetzt wird.“

Schwerdtner übt Kritik an Krankenkassen: „Weder Gesundheit noch Rente darf aufs Spiel gesetzt werden“

Das Sozialgesetzbuch IV schreibt für Sozialversicherungsträger vor, dass bei Geldanlagen ein Verlust ausgeschlossen werden muss. Wie weit Anspruch und Wirklichkeit in der Praxis auseinanderlagen, verdeutlichen Ermittlungen bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), die 40 Millionen Euro im Verius-Fonds angelegt hatte. Der die Aufarbeitung leitende Rechtsanwalt André Große Vorholt stellte laut Tagesschau fest: „Die KVWL hätte als SGB-Investorin aus regulatorischen Gründen niemals in den Verius-Fonds investieren dürfen.“ Zudem verwies der Jurist auf eklatante Mängel bei Immobilien-Schuldscheinen: „Wer da richtig hingeschaut hätte, der hätte gesehen, dass das kein sicheres Investment sein konnte.“

Die Grünen-Gesundheits- und Haushaltsexpertin Paula Piechotta bewertete die Fehl-Investitionen der AFP zufolge als strukturelles Versagen: Der Vorgang offenbare „das grundlegende Problem, dass viele Kontrollmechanismen erst nachgelagert greifen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist und Schäden für den Beitragszahler nicht mehr verhindert werden können“. Piechotta unterstrich, es sei „verboten, mit Beitragsgeldern zu zocken“. Sie ging davon aus, „dass die betroffenen Krankenkassen schlicht überfordert waren, sichere von unsicheren Geldanlagen zu unterscheiden“. Die Grüne forderte Schadensersatzprüfungen gegen Rating-Agenturen sowie volle Transparenz für die Versicherten.

Schwerdtner pocht auf Verlässlichkeit im Umgang mit den Beitragsgeldern der Versicherten: „Wer jahrzehntelang arbeitet und einzahlt, muss sich darauf verlassen können, dass sein Geld für Gesundheit und eine sichere Rente eingesetzt wird. Ein starkes gesetzliches Umlagesystem und dauerhaft gesichertes Rentenniveau schaffen Vertrauen und Sicherheit. Weder unsere Gesundheit noch unsere Rente darf aufs Spiel gesetzt werden, um Renditeziele zu erreichen.“ Der Fall liegt nun bei den Bundes- und Landesaufsichtsbehörden, die eine gründliche Aufarbeitung angekündigt haben. (Quellen: Statement Ines Schwerdtner, dpa, NDR, WDR, SZ, AFP) (fbu)