Wie die Gen Z mit Geld umgehen muss, schadet ihrer mentalen Gesundheit
Stand: 10.09.2026, 21:32 Uhr
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Viele junge Menschen stehen aufgrund ihrer finanziellen Situation unter Druck. Die Forschung zeigt, was langfristig passieren kann.
Frankfurt – Am Monatsende wird für viele junge Menschen in Deutschland nicht nur das Geld knapp, sondern auch der Schlaf. Die Mieten steigen, Obst und Gemüse werden immer teurer, doch die Zahl auf dem Lohnschein bleibt gleich. Laut der Studie „Jugend in Deutschland 2026“ gehören die Angst vor Inflation (53 Prozent), steigende Kosten für Wohnraum (48 Prozent) und der Zusammenbruch des Rentensystems (45 Prozent) zu den größten Sorgen der Menschen zwischen 14 und 29 Jahren.

„Finanzielle Not löst negativen Stress aus“, sagt Eva Münster, Professorin für Allgemeinmedizinische Versorgungsforschung an der Universität Witten/Herdecke. „Wer eine offene Rechnung nicht bezahlen kann, liegt nachts schlaflos im Bett.“ Häufig würden Menschen mit Geldsorgen an der falschen Stelle sparen, nämlich an sich selbst: Sie melden Kinder aus Sportvereinen ab, verzichten auf frisches Obst und Salat, weil es zu teuer wird, oder lassen Medikamente wegen der Zuzahlung liegen. Das führe zu körperlicher und psychischer Instabilität. „Armut macht krank, aber Krankheit macht genauso arm. Das ist ein Teufelskreis, aus dem viele alleine nicht mehr herauskommen“, erklärt Münster bei der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Starke Zukunftsängste und permanenter finanzieller Druck schaden der mentalen Gesundheit
Fast jeder dritte junge Erwachsene zwischen 20 und 29 Jahren hat im Jahr 2026 mit Konsumschulden, Ratenkäufen und „Buy Now Pay Later“-Modellen wie Klarna oder PayPal zu kämpfen. Eine der Folgen: Jeder Dritte von ihnen schätzt den eigenen psychischen Zustand so ein, dass eine Behandlung notwendig wäre. Die Autorinnen und Autoren der „Jugend in Deutschland“-Studie sprechen dahingehend von einem neuen Höchststand. „Die Jugend hat heute einen enormen Druck, mit dem bestehenden Wohlstand mitzuhalten“, sagt Münster. Einer Umfrage der SCHUFA zufolge glauben nur noch 40 Prozent der 15- bis 25-Jährigen in Deutschland, dass sie den Lebensstandard der Generation vor ihnen zumindest halten können. Vor fünf Jahren lag der Wert noch bei 74 Prozent.
Auch die sozialen Medien und das pausenlose Vorleben von Konsum würden laut der Versorgungsforscherin ihren Teil zur negativen Entwicklung beitragen: „Wenn dieser permanente Konsumdruck auf Zukunftsangst trifft, erzeugt das innere Konflikte und Stress bei den jungen Leuten.“ Bereits die Millennials kennen diesen Konflikt: Viele Menschen zwischen Anfang 30 und Mitte 40 fühlen sich ausgebrannt, berichtet die psychologische Psychotherapeutin Eva Schneider der Frankfurter Rundschau, weil sie trotz harter Arbeit den finanziellen Aufstieg nicht schaffen. Das Phänomen ist auch unter dem Namen „Millennial Career Crisis“ bekannt.
Den Einfluss von finanziellem Stress auf die mentale Gesundheit hat Münster mit Kolleginnen und Kollegen bei über 550 Medizinstudierenden an einer privaten deutschen Universität untersucht. Das Ergebnis zeigte: Studierende, die sich dauerhaft Gedanken über ihre Finanzen machten, litten dreimal so häufig unter mentalen Problemen, wie Probandinnen und Probanden, die finanziell sorgenfrei waren. „Das Ergebnis zeigt ganz deutlich den Zusammenhang zwischen finanzieller Belastung und psychischer Instabilität“, sagt Münster. Die meisten jungen Menschen würden sich schlicht nach Sicherheit und verlässlicher Planung sehnen.
Langzeitstudie aus Großbritannien: Geldsorgen verändern das Gehirn
Dass langfristige Geldprobleme nicht nur der mentalen Gesundheit schaden, sondern auch dem Gehirn, lässt eine neue Langzeitstudie des Soziologen Jacques Wels vom University College London vermuten. Über eine Lebensspanne von 80 Jahren erfassten Wels und sein Forschungsteam die Haushaltseinkommen und den damit empfundenen finanziellen Druck von 2759 Menschen aus Großbritannien, alle geboren im März 1946. Die Probandinnen und Probanden unterzogen sich zu verschiedenen festgelegten Zeitpunkten ihres Lebens kognitiven Leistungstests und MRT-Scans.
Die Auswertung der Testergebnisse zeigte, dass die Gedächtnisfähigkeit und Denkgeschwindigkeit bereits mit Mitte 50 durch langanhaltende finanzielle Sorgen deutlich schlechter ausfielen. Auf den MRT-Bildern war zudem ein signifikanter Rückgang des Gehirngewebes erkennbar. Der Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn man die kognitiven Unterschiede in der Kindheit berücksichtigte. Die Daten legen nahe, dass keine einzelne finanzielle Krise, sondern die dauerhafte Belastung über viele Jahre hinweg mit schlechteren kognitiven Leistungen und ungünstigeren Hirnbefunden zusammenhängt. Als Beobachtungsstudie belegt die Untersuchung jedoch keinen direkten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.
Die Folgen einer jahrzehntelangen Belastung könnten für die Gen Z dramatisch werden, nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell. Denn wer bereits in jungen Jahren unter chronischem Geldstress leidet, hat kaum Spielraum für Altersvorsorge. „Wir verlangen von den jungen Menschen, dass sie eigenverantwortlich für ihre Rente vorsorgen sollen. Aber wir unterrichten bis heute nicht flächendeckend an den Schulen, wie“, kritisiert Münster.
Die Generation Z solle privat fürs Alter investieren, während ihr gleichzeitig das nötige finanzielle Wissen fehle und das verfügbare Einkommen schwinde. „Wenn wir jetzt nicht alle Kräfte bündeln und gezielt in die Stabilität unserer Jugendlichen investieren, kann uns das in Jahren die größten Vorwürfe einbringen“, warnt die Versorgungsforscherin. (Quelle: SCHUFA Jugend-Finanzmonitor 2026, Jugend in Deutschland 2025/2026, Medical Education, Innovation in Aging, eigene Recherche)