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Für George Russell war Monza 2026 möglicherweise eine Zäsur in seiner Karriere Zoom
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es ist prinzipiell die Kernidee dieses Formats, einen, im weitesten Sinn, "Verlierer des Wochenendes" schlecht schlafen zu lassen. Dabei versuche ich jedoch, die Themen etwas origineller auszuwählen als nur danach, für wen es beim vergangenen Grand Prix besonders schlecht gelaufen ist. Schließlich will ich unsere Leser nicht damit langweilen, die ganze Zeit nur von Lance Stroll & Co. zu erzählen.
Sekundäre Kriterien bei der Themenwahl sind unter anderem: Ist die abgebildete Person populär genug, um unsere Leserinnen und Leser überhaupt zu interessieren? Kann ich nur das aufschreiben, was die Fans ohnehin selbst am TV gesehen haben, oder gibt es eine spannendere Geschichte drumherum zu erzählen? Und: War die- oder derjenige in der laufenden Saison schon mal dran oder noch nicht?
Insofern wollte ich eigentlich nicht über George Russell schreiben. Denn nach Suzuka und Barcelona haben ihn Kollegen von mir schon zweimal schlecht schlafen lassen. Und trotzdem führt für mich diesmal kein Weg an ihm vorbei. Auch wenn ich kurz mit dem Gedanken gespielt habe, mich mit Flavio Briatore auseinanderzusetzen, wegen seines bizarren Auftritts in der Teamchef-PK am Freitag.
Wenn Flavio wirklich der Meinung ist, dass einer der Berufungsrichter befangen war, fair enough. Doch einen Vorwurf von solcher Tragweite im öffentlichen Forum einer FIA-Pressekonferenz rauszuhauen, mit größtmöglichem Reputationsschaden für die FIA und McLaren (nach dem Motto: "Irgendwas wird schon hängen bleiben ..."), das ist ein Stil, der selbst im Haifischbecken Formel 1 nicht mehr zu den ethischen Standards des Jahres 2026 passt.
Ich bin mir sicher, ein Gentleman wie Andrea Stella hätte solche Verschwörungstheorien bei umgekehrten Vorzeichen zuerst in einem privateren Rahmen geäußert, bevor er maximale Öffentlichkeit damit sucht.
Schwamm drüber. Flavio ist Flavio, sein Lebenswerk ist unbestritten, und bedeutungslose Tastatur-Krieger wie ich sollten froh sein, dass wir in einer immer stromlinienförmigeren Formel 1 noch Typen wie ihn haben. Im Guten wie im Schlechten. Und ich betone: Das meine ich völlig ironiefrei. Wirklich.
Also George Russell. Erneut.
"Wenn da nur dieser Antonelli nicht wäre"
Wenn man sich ein Paralleluniversum ohne Kimi Antonelli vorstellt, dann wäre die Welt für den 28-Jährigen in Ordnung. Er war der Beste eines herausragend vortrefflichen Formel-2-Jahrgangs, dem auch ein gewisser Lando Norris angehörte, und der ist immerhin amtierender Formel-1-Weltmeister. Mercedes hat wie prophezeit das derzeit beste Gesamtpaket des neuen Reglements entwickelt, und Russell würde die WM solide anführen und wäre drauf und dran, endlich Champion zu werden.
Wenn da nur dieser Antonelli nicht wäre. Denn die unglaubliche Aufholjagd des neuerdings 20-jährigen Italieners in Monza war eine Zäsur für Russell, und ich glaube, dass er gerade anfängt, das zu realisieren.
Es gab in der FIA-Pressekonferenz nach dem Rennen einen Moment, der das erahnen lässt. Während Antonelli noch gar nicht da war und einer TV-Station nach der anderen seine triumphalen Siegerinterviews gab, saßen Russell und Max Verstappen schon in dem klimatisierten Raum im hinteren Bereich des Monza-Paddocks, der üblicherweise den Rahmen für die offiziellen FIA-Talkshows bietet.
Moderator Tom Clarkson erwähnte die 66 Punkte Rückstand, die Russell jetzt hat, und wollte wissen, wie der Mercedes-Fahrer jetzt seine Chancen einschätzt, 2026 irgendwie doch noch Formel-1-Weltmeister zu werden. Russell wurde nachdenklich und sagte Dinge wie: "Kimi hat es unter Kontrolle", "ich denke nicht einmal an ein Comeback", oder dass es "außergewöhnlich herausfordernd" werde, das Ding noch zu drehen.
Und vor allem: "Ich akzeptiere irgendwie, dass es ist, wie es ist. Von jetzt an werde ich versuchen, es zu genießen und so viele Rennen wie möglich zu gewinnen."
Boom.
Wenn der andere einfach besser ist ...
Es steckt tief verwurzelt in der DNA von fast jedem Rennfahrer, sich selbst für den Größten und Besten zu halten. Selbst wenn die Außenwelt das ganz anders beurteilen mag, neigen Rennfahrer dazu, sich Niederlagen irgendwie erklären zu können, für die ganz eigene Realität. "Ja, der andere hat gewonnen. Aber wenn bei mir das und das und das nur ein bisschen anders gelaufen wäre, dann wäre alles ganz anders gewesen."
Russells Problem ist: Er hat in Monza von Anfang bis Ende einen nahezu optimalen Job abgeliefert. Er hat keine nennenswerten Fehler gemacht, wurde nicht vom Team sabotiert, wurde nicht Opfer von irgendwelchen äußeren Umständen. Selbst der Call, unter VSC nicht an die Box zu kommen, der dem Rennen einen frischen Impuls gegeben hat, als Russell im Jojo-Fight mit Antonelli kurzzeitig zumindest mithalten konnte, war objektiv betrachtet ein logischer.
Unterm Strich bleibt stehen: Nichts und niemand hätte Kimi Antonelli an diesem historischen Sonntag im Parco di Monza aufhalten können. Es war einer dieser besonderen Tage, an denen sich die Spreu vom Weizen trennt und etwas ganz Großes wächst. Wie Monte Carlo 1984 (Ayrton Senna), Spa 1992 (Michael Schumacher) oder Interlagos 2016 (Max Verstappen).
Antonellis Performance war so speziell, dass selbst Russells Rennfahrer-DNA im Selbstverteidigungsmodus keinen plausiblen Grund mehr fand, warum der Kerl im anderen Auto unter anderen Umständen doch irgendwie schlagbar gewesen wäre. Es ist der Punkt, an dem Russell vielleicht einsehen muss, dass es ganz, ganz schwierig wird, sich den Lebenstraum vom WM-Pokal in der Königsklasse des Motorsports zu erfüllen, solange er im gleichen Team fährt wie der unbekümmerte Italiener, dessen Naturtalent jetzt nicht nur Nico Rosberg mit dem von Ayrton Senna vergleicht.
Russell könnte sich Rosberg zum Vorbild nehmen
Genau die Geschichte von Nico Rosberg ist allerdings eine, die für Russell wie der letzte Silberstreif am Horizont ist. Denn Ende 2015 gab es kaum jemanden, der dem Deutschen noch zugetraut hätte, die Übermacht von Lewis Hamilton mit gleichem Material zu brechen. Ich selbst hatte damals in einer dieser Kolumnen prognostiziert, dass Rosberg wahrscheinlich nie mehr Weltmeister werden kann.
Ich lag falsch. Es gibt zwar kaum einen Experten, der Rosberg im historischen Kontext als das größere Talent als Hamilton bezeichnen würde. Sieben WM-Titel sprechen eine klare Sprache. Aber Rosberg ging Ende 2015 in sich, schaffte es, die Grenzen seines Könnens noch einmal zu verschieben - und wurde 2016 mit einem denkwürdigen Kraftakt (und ein bisschen Glück des Tüchtigen an seiner Seite) doch noch Formel-1-Weltmeister.
Vielleicht sollte Russell Rosberg mal auf ein Glas Lambrusco einladen und ihn fragen, wie er das damals angestellt hat. Denn außergewöhnliche Erfolge erfordern außergewöhnliche Leistungen, und Rosberg hat das zumindest einmal in seiner Karriere hingekriegt. Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten.
Die größten Talente ohne WM-Titel
Es steht außer Zweifel, dass Russell zu den Besten seiner Generation gehört. In den nächsten ein, zwei Jahren wird sich zeigen, ob das genug ist. In der Geschichte der Formel 1 gab es schon viele Supertalente, die nie Weltmeister wurden. Stirling Moss etwa, Ronnie Peterson, Stefan Bellof - oder, in jüngerer Vergangenheit, Jean Alesi und Juan Pablo Montoya.
Auch Giancarlo Fisichella, ein Landsmann von Antonelli, galt lange Zeit als herausragendes Talent. Im Winter 2004/05, als sein Renault-Team ihm endlich ein echtes Siegerauto gebaut hatte, schrieb ich eine Titelstory für ein Printmagazin - eine Saisonvorschau mit den größten Titelfavoriten.
Nach Erscheinen des Magazins rief mich Fisichellas damaliger Manager Enrico Zanarini an. Er tobte, weil es ausgerechnet Fisichellas Teamkollege Fernando Alonso, damals noch ein unbeschriebenes Blatt, aufs Cover geschafft hatte. Und selbst auf den kleineren Bildern mit den weiteren WM-Kandidaten nicht Fisichella abgedruckt wurde, sondern Kandidaten wie Michael Schumacher und Kimi Räikkönen. Am Ende war Alonso wirklich Weltmeister, und Fisichella ging nicht als Weltmeister, sondern als ewiges, unerfülltes Talent in die Grand-Prix-Geschichte ein.
Russell befindet sich jetzt in einer ähnlichen Position: Blicken wir in 20 Jahren auf eine Karriere wie die von Fisichella zurück - herausragendes Talent, aber letztendlich ohne Titel -, oder kriegt er die Kurve und wird er doch noch zum Rosberg? Wenn nicht, könnte einer meiner Kollegen in der Redaktion Recht behalten, der gestern flapsig formulierte: "Bald macht Russell statt David Coulthard die Interviews. Gleicher Karriereweg."
Unter den Buhrufen der Fans: Russell bewahrt die Contenance
Eins kann man Russell übrigens nicht absprechen: Sportlich mag er einer der Verlierer des Grand Prix von Italien 2026 sein. Menschlich war er einer der ganz großen Sieger des gestrigen Rennsonntags.
Niemand hätte ihm übelgenommen, wenn er sich beim obligatorischen Applaus für Antonelli bei der Siegerehrung zurückgehalten hätte. Schließlich hatte er gerade eine der schmerzhaftesten Demütigungen seiner Motorsportkarriere erfahren. Aber Russell ertrug die Buhrufe und Pfiffe, die sich das italienische Publikum auch hätte schenken können, wie ein Gentleman, und bewies, was für ein großer Sportsmann er ist.
Antonelli verdiene es, diese WM unter Kontrolle zu haben, sagte er. "Er performt außergewöhnlich gut." Und selbst als er kurz mal drüber nachdachte, wie das Rennen wohl ausgegangen wäre, wenn das VSC nicht gekommen wäre, fügte er sofort an: "Aber das schmälert die Leistung von Kimi überhaupt nicht."
Vielleicht an diesem Sonntag kein Champion mit Pokal in der Hand. Aber auf jeden Fall ein Sportsmann, der mit schmerzhaften Niederlagen umgehen kann, wie sich das gehört. Davon könnte sich Flavio Briatore auch mal eine Scheibe abschneiden.
Euer
Christian Nimmervoll
Hinweis: Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kolumne meine subjektive Wahrnehmung abbildet. Wer anderer Meinung ist, kann das gern mit mir ausdiskutieren, und zwar auf meiner Facebook-Seite "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's nicht in erster Linie "breaking News" aus dem Grand-Prix-Zirkus, sondern vor allem streng subjektive und manchmal durchaus bissige Einordnungen der wichtigsten Entwicklungen hinter den Kulissen der Formel 1.