„Weltlage“ treibt sie an: Warum diese Menschen in der Bundeswehr-Reserve dienen

Stand: 09.09.2026, 20:00 Uhr

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Reserveübung der Kreisgrupppe Kurhessen Ausbildungsbiwak Fritzlar Hellenwarte Verband der Reservisten, Reservistenverband

Reserveübung der Kreisgrupppe Kurhessen Ausbildungsbiwak Fritzlar Hellenwarte Verband der Reservisten, Reservistenverband © Daniel Seeger

Rund 100 Reservisten der Kreisgruppe Kurhessen üben am Wochenende im Gelände. Nicole Schilling, Deutschlands einzige Drei-Sterne-Generalin, kommt extra nach Fritzlar, um ihr freiwilliges Engagement zu würdigen.

Fritzlar/Kassel – Oberstabsfeldwebel Robert Hess vermittelt auf den ersten Blick nicht den Eindruck, als gehöre er zu den sentimentalen Menschen. „Wenn es zum Beschuss kommt, ist es wichtig, dass nicht die ganze Gruppe ausfällt“, erklärt der Organisationsleiter an einer Ausbildungsstation beim Biwak auf dem Standortübungsplatz Hellenwarte in Fritzlar, wo rund 100 Reservisten der Kreisgruppe Kurhessen am Wochenende den Ernstfall simulieren. Das sitzt. Wer mit der Bundeswehr bisher nicht viel zu tun hat, könnte bei besagter Übung schon ein mulmiges Bauchgefühl bekommen. Die freiwilligen Reservisten, unter ihnen sowohl Erfahrene als auch Neulinge, sind uniformiert. Ihre Gesichter haben sie zur Tarnung in Grüntönen bemalt, manche haben Zweige am Helm. „Sie üben Bewegung im Gelände.“ Es fallen laute Befehle. Sie tragen Waffen, wenn auch ohne scharfe Munition.

Für Hess ist das nichts Ungewöhnliches. Umso nachdenklicher stimmt einen, wenn er dann doch über seine Gefühle spricht: „Ich habe schon Angst“, sagt er und meint die angespannte globale Lage. Dennoch habe er Hoffnung auf eine friedvolle Lösung. „Es kann nur so gehen. Krieg? Das funktioniert überhaupt nicht.“ Alle Gespräche, alle Übungen an diesem Samstag machen deutlich: Sowohl die aktiven Soldaten als auch die Reservisten trainieren in erster Linie nicht für einen Krieg, sondern dafür, dass er nie nach Deutschland kommt. Wie entscheidend die Rolle von Reservisten dabei ist, wird von hohem Besuch unterstrichen. Nicole Schilling ist extra nach Fritzlar gekommen. Sie ist Deutschlands einzige Drei-Sterne-Generalin und gleichzeitig die Vize-Chefin der Truppe.

Reserveübung der Kreisgrupppe Kurhessen Ausbildungsbiwak Fritzlar Hellenwarte Verband der Reservisten, Reservistenverband

Reserveübung der Kreisgrupppe Kurhessen Ausbildungsbiwak Fritzlar Hellenwarte Verband der Reservisten, Reservistenverband © Daniel Seeger

Die Übungen

Graue Wolken über Fritzlar, Wind auf der Hellenwarte, einer Anhöhe, von der aus man gefühlt über den halben Schwalm-Eder-Kreis blicken kann. Dazu Temperaturen, bei denen sich niemand beschweren kann. Angenehm warm ist es auf dem Standortübungsplatz. Nur der Stacheldraht macht die Sache in Fritzlar ungemütlicher.

Dicke Pflöcke sind in den Boden gerammt. Daneben stehen gut ein Dutzend Männer und Frauen. Ausbilder Martin Krummel steht dabei und erklärt den Reservisten den Ablauf. Der Offiziersanwärter ist im zivilen Leben Lehrer und hat einen Doktortitel. Die Teilnehmer haben die unterschiedlichsten beruflichen Hintergründe – ob Akademiker oder Hilfsarbeiter, das scheint keine Rolle zu spielen. Auffällig: Hier wird sich geduzt, der Tonfall ist oft eher locker und freundlich. Nicht das, was man erwarten würde in einer Organisation, in der Hierarchie eine hohe Bedeutung hat. Trotzdem sind alle gewissenhaft bei der Sache.

Die Reservisten ziehen das Band von einer Rolle, verdrehen es und versuchen, es an den Pfosten zu befestigen. Natürlich nur mit dicken Handschuhen. Rasiermesserscharfe Klingen hat der sogenannte Natodraht, der dafür sorgen soll, dass der Feind im Zweifel nicht durchkommt. „Das ist sehr schmerzhaft“, sagt Krummel, Dienstgrad Fahnenjunker, auf Nachfrage, was passiert, wenn man sich darin verfangen sollte. Dann zeigt er auf den aufgebauten Flandernzaun, wie das Hindernis heißt: „Wir können das gleich mal ausprobieren.“ Ausprobieren heißt in diesem Fall, dass ein alter Jutesack in den Zaun geworfen wird. Der Ausbilder drückt einer Teilnehmerin eine Holzlatte in die Hand. Mit der soll sie den Sack entfernen. Ein nahezu unmögliches Unterfangen.

Reserveübung der Kreisgrupppe Kurhessen Ausbildungsbiwak Fritzlar Hellenwarte Verband der Reservisten, Reservistenverband

Reserveübung der Kreisgrupppe Kurhessen Ausbildungsbiwak Fritzlar Hellenwarte Verband der Reservisten, Reservistenverband © Daniel Seeger

Ein paar Meter weiter geht es eher theoretisch zu. Soldaten sitzen im Kreis im Schutz eines Hauses, das mitten auf dem Übungsplatz steht. Vor ihnen ein Soldat aus Fritzlar. Der erklärt, wie man korrekt funkt – digital und analog. Moderne, abhörsichere Digitalfunkgeräte sind längst noch nicht überall vorhanden.

Andere Ausbildungsstationen beschäftigen sich etwa mit der Rettung von Verwundeten und dem Feuerkampf – auch wenn nicht scharf geschossen wird. Die Teilnehmer übernachten nicht etwa in der nahegelegenen Kaserne, sondern in Zelten auf dem Übungsplatz – eher provisorisch und vor allem wohl nicht sehr komfortabel.

Die Reservisten

„Ich war 1988 wahrscheinlich eher so ein lustloser Wehrpflichtiger“, sagt Gefreiter Götz Fuhrmann-Rüdlin aus Melsungen. Der 57-Jährige ist seit April offiziell Reservist. Der Grund? „Die Weltlage.“ Eigentlich ist er Rechtsanwalt. Etwas aktiv zu tun, um den Frieden in Deutschland zu erhalten, sei für Fuhrmann-Rüdlin irgendwann der einzige logische Schritt gewesen. Im Alltag wälzt er Gesetzestexte, hier in Fritzlar lässt er sich erklären, wie man aus messerscharfem Draht eine Barriere baut.

Vollkommen abseits seines eigentlichen Berufs ist das auch für den Obergefreiten Werner Conze, der aus Kassel kommt, jetzt aber in Darmstadt lebt. „Ich bin mit meinen 62 Jahren noch fit, und wir können nicht alles auf die Jungen schieben“, findet der Biophysiker. Conze hat familiäre Verbindungen zur Bundeswehr. Sein Sohn dient. „Man lernt hier, sein Zivilleben zu schätzen.“ So habe er es auch vor gut 40 Jahren bei der Grundausbildung empfunden.

Frieden ist auch die oberste Motivation von Obergefreiter Diana Wolf. Sie ist eine von mehreren Frauen, die am Biwak teilnehmen. Die Mutter von zwei Kindern ist Lehrerin und Direktorin der Bundeswehrfachschule in Kassel. „Wenn man Soldaten unterrichtet, muss man auch verstehen, wovon sie sprechen.“ Wolf wolle die Werte, unter denen sie groß geworden ist, schützen. „Wenn nicht für die ganze Welt, dann wenigstens hier.“

Der Besuch

„Augen geradeaus!“, ruft Oberst Ulf Köster. Für den hohen Besuch sind die Soldaten angetreten, stehen in Reih und Glied. Der Chef der Kreisgruppe Kurhessen des Reservistenverbandes salutiert vor Nicole Schilling, Deutschlands höchster Soldatin. Die Luftwaffen-Generalin ist nach Fritzlar gekommen, um mit den Reservisten ins Gespräch zu kommen und ihr freiwilliges Engagement zu würdigen.

Reserveübung der Kreisgrupppe Kurhessen Ausbildungsbiwak Fritzlar Hellenwarte Verband der Reservisten, Reservistenverband

Kümmert sich um das Thema Reserve: Nicole Schilling ist als stellvertretende Generalinspekteurin die ranghöchste Frau der Bundeswehr. © Daniel Seeger

Die Ärztin weiß, wie sie Menschen erreicht: „Ich bin hier, weil Sie hier sind.“ Für Schilling sei das Biwak „ein strategisches Ereignis“. Auf den Einsatz von Reservisten, oft mit komplett unterschiedlichen Hintergründen, komme es an. „Sie bewältigen das als Gruppe, das ist eine Herausforderung“, sagt sie zu den Reservisten, die sich einig sind: Krieg will hier niemand.