Wie lebt man, wenn ständig vor einem Krieg gewarnt wird? Eine Reportage.
10.08.2026, 05.30 Uhr
9 Leseminuten
Paris hat den Eiffelturm, London den Big Ben – und Tallinn seit kurzem das Golden Gate. Als Urmas Soorumaa das goldene Ungetüm am Tallinner Hafen bauen liess, orientierte er sich an Feng-Shui. In der chinesischen Harmonielehre steht die Farbe Gold für Reichtum und Erfolg. Genau davon sollte das Gebäude erzählen: von Aufschwung und einer glänzenden Zukunft.
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Jetzt steht Soorumaa auf dem Dach seines goldenen Tores, durch das die Menschen in die Stadt schreiten. Der Wind peitscht ihm den Regen ins Gesicht, und unten sind die Bagger dabei, seine nächste Vision umzusetzen. In den vergangenen Jahren hat der estnische Geschäftsmann die Hauptstadt Parzelle für Parzelle aufgekauft. Am Morgen hat er Schweizer Investoren durch seine Besitztümer geführt. Soorumaa strotzt vor Optimismus.
Er sagt: «Ich spüre, Estland stehen erfolgreiche Zeiten bevor.»
Sowohl das Gebäude als auch Soorumaas Optimismus wirken in Tallinn aus der Zeit gefallen. Bis zur russischen Grenze sind es 200 Kilometer. Westliche Geheimdienste warnen davor, dass der Kreml als Nächstes in Estland einfallen könnte. Russland könnte seine Kampfbereitschaft bereits im Jahr 2027 wiederherstellen, sagen die estnischen Streitkräfte.
Um die Verteidigungsausgaben zu finanzieren, hat die Regierung die Steuern erhöht und neue eingeführt. Selbst auf Lebensmittel fällt eine Mehrwertsteuer von 24 Prozent an, und die Inflationsrate zählt zu den höchsten in Europa. Im Supermarkt sind es längst nicht nur Rentner, die nach Rabattaufklebern suchen.
Das alles hat Folgen: Im vergangenen Jahr verliessen erstmals seit 2014 mehr Menschen das Land, als zugezogen sind. Estland schrumpft.
Wie lebt man, wenn man sich auf das Schlimmste gefasst machen muss?
Der Expat

Eugene Bredenkamps Frau züchtet Maine Coons. Die grossen Katzen könne er im Notfall nicht einfach schnell ins Auto packen, sagt Bredenkamp.
Noch befindet sich Estland nicht im Krieg. Die geistige Landesverteidigung aber hat längst begonnen.
Die Recherche für diesen Artikel fängt mit einem Shitstorm an. Auslöser ist der Aufruf nach Interviewpartnern in der Facebook-Gruppe für Expats in Tallinn. Die Frage, ob es Personen gebe, die erwögen, Estland zu verlassen, erhitzt die Gemüter. Es sind vor allem Esten, die im Post «warmongering», also das gezielte Schüren von Kriegsängsten, erkennen wollen.
Gleichzeitig quillt die Mailbox über mit Antworten von Expats, die genau das zu tun gedenken: wegzuziehen. Einer von ihnen ist Eugene Bredenkamp. Der 41-jährige Südafrikaner wohnt mit seiner Frau, seinem Sohn, zwei Hunden und fünf Katzen in einem Einfamilienhaus am Stadtrand von Tallinn. Die Nachricht schickt er aber aus Portugal, wo er gerade mögliche neue Wohnorte besichtigt.
«Wir werden wegziehen müssen, denn ich möchte nicht in einem kleinen Schutzraum sitzen und hoffen, dass alles gut wird», sagt er ein paar Tage später in einem Café in Tallinn und fährt fort: «Es ist keine Frage mehr, ob es passiert – sondern nur noch, wann.»
Bredenkamps Worte klingen alarmistisch, aber sein Tonfall ist nüchtern. «Es ist meine Aufgabe, meine Familie am Leben zu halten.» Sollte sein Haus bombardiert werden, würde keine Versicherung den Schaden decken. Ein weiteres Problem seien die Tiere. Die könne er nicht einfach alle ins Auto packen und losfahren.
Seit sechseinhalb Jahren lebt Bredenkamp in Estland. Dass er ausgerechnet in Tallinn gelandet ist, war reiner Zufall. Er wollte weg aus seiner Heimatstadt Johannesburg und bewarb sich auf Stellen in den Niederlanden – erfolglos. Dann wurde ihm ein Job in Estland angeboten. «Ich hatte noch nie von diesem Ort gehört und dachte, das sei eine Stadt.»
Estland hat im letzten Jahrzehnt viel dafür getan, Expats wie Bredenkamp anzulocken. Der Aufstieg der Tech-Branche und der Ruf als digitaler Vorreiter machten das Land zunehmend attraktiv für internationale Fachkräfte. 2015 verzeichnete Estland erstmals seit seiner Unabhängigkeit 1991 einen positiven Wanderungssaldo: Mehr Menschen zogen ins Land, als es zu verlassen.
Bredenkamp reiste im Januar 2020 zum ersten Mal nach Tallinn und fand Arbeit bei einem Startup im Digitalmarketing. Er verliebte sich sofort in das kleine Land. Die Kultur und das Wetter seien am Anfang ein Schock gewesen – aber der Umstand, dass im Lift niemand Smalltalk führe, sei ein kleines Problem, verglichen mit all den Vorteilen. «Ich konnte kaum glauben, dass hier Kinder allein im Dunkeln mit dem Bus unterwegs sind – so sicher ist Tallinn.»
Selbst als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel, war Bredenkamp nicht beunruhigt. Er sagte sich: «Russland würde uns niemals angreifen, solange die USA zur Nato gehören.» Doch dann wurde Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt. Schon vor der Wahl hatte er wiederholt damit gedroht, das Verteidigungsbündnis zu verlassen. Die Gewissheit, dass die Bündnispartner Estland im Notfall zu Hilfe eilen würden, wich über Nacht Zweifeln, die das ganze Baltikum erfassten.
Bredenkamp richtete im Keller einen Schutzraum ein: drei Powerbanks, ein Erste-Hilfe-Kasten, Essen und Trinken für drei Tage. Er studierte mögliche Fluchtrouten. Die drei baltischen Staaten sind über Land nur durch einen knapp hundert Kilometer breiten Korridor, die Suwalki-Lücke, mit dem restlichen Nato-Territorium verbunden. Bei einem russischen Angriff wäre sie wohl eines der ersten Ziele. Bliebe also nur die Fähre nach Finnland. Doch diese wäre im Ernstfall heillos überfüllt.
Den Ernstfall will Bredenkamp nicht abwarten. Portugal scheint ihm die perfekte Alternative zu sein. Er sagt: «Weiter von Russland entfernt kannst du in Europa kaum sein.» Trotzdem hadert die Familie mit dem Wegzug. Vor allem Bredenkamps Frau möchte in Estland bleiben. «In Portugal waren es ihr zu viele Menschen.» Das Haus haben sie noch nicht verkauft.
Er verfolge jeden Tag die Nachrichten, sagt Bredenkamp. «Sobald die ersten Meldungen über die grünen Männer auftauchen, bin ich weg.»
Die Einheimische

Die Schneiderin Agne Talu ist unter estnischen Designern hoch angesehen. Trotzdem überlegt sie sich, ihr Heimatland zu verlassen.
Auch Agne Talu hat schon oft übers Weggehen nachgedacht. Die 49-jährige Schneiderin sitzt in ihrem Atelier und sagt: «Es gibt nichts mehr, was mich hier hält.»
Dabei läuft es für sie gar nicht so schlecht. In Talus Atelier geht die estnische Prominenz ein und aus. Sie hat für die Frau des Präsidenten ein Kleid für den Empfang zum Unabhängigkeitstag genäht und Kostüme für Filme angefertigt. Auch der Verteidigungsminister trug schon einen Anzug von ihr. Vor einem Jahr machte sich Talu selbständig. Viele lokale Designer wollen mit ihr zusammenarbeiten. Und trotzdem reicht das Geld kaum zum Leben.
Talu macht es wie viele in Estland: Sie wurstelt sich durch.
Einen Lohn hat sie sich noch nie ausgezahlt. Damit fehlt ihr die staatliche Kranken- und auch die Rentenversicherung. Der Ex-Mann zahlt für die 17-jährige Tochter Unterhalt, und die Miete ihrer Wohnung teilt sie mit ihrem 26-jährigen Sohn. Im Notfall springen die Grosseltern der Kinder ein. Ihr Abonnement für das Fitnessstudio hat sie gekündigt, ein Auto besitzt sie nicht mehr. Sie würde gerne öfter ins Theater, um ihre Kostüme auf der Bühne zu sehen, doch Kultur ist zu einem Luxus geworden.
«Wir waren es gewohnt, zu konsumieren, können es uns aber nicht mehr leisten», sagt Talu und spricht damit für viele in Estland.
Estland war lange eine Erfolgsgeschichte. Seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) auf das Elffache angewachsen. Der Aufschwung endete, als Russland die Ukraine im Februar 2022 angriff. Die gegen den Aggressor verhängten Sanktionen trafen Estland als kleines Nachbarland besonders hart. Die estnische Wirtschaft war über Lieferketten, die Energieversorgung und Rohstoffimporte eng mit Russland verflochten. Als die Verbindungen gekappt wurden, schossen die Preise für Strom, Gas und Benzin in die Höhe. 2022 lag die Inflationsrate bei 20 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Militärausgaben an – in diesem Jahr werden sie voraussichtlich 5 Prozent des BIP erreichen.
Talu sagt es so: «Die Menschen sind wütend, weil das Leben trotz immer höheren Steuern nicht besser wird.» Es flössen Unmengen an Steuergeldern in die Verteidigung, während das soziale System kollabiere. «Die Gesundheitsversorgung wird immer schlechter, man wartet monatelang auf einen Facharzt. Eine Therapiesitzung beim Psychologen kostet 100 Euro – wer kann sich das leisten?»
Die ständigen Warnungen vor einem möglichen Angriff wecken bei Talu Erinnerungen an ihre Kindheit auf der Insel Saaremaa. Diese war damals eine von der Sowjetarmee abgeschottete Militärzone. «Auch damals wurde ständig über einen drohenden Krieg gesprochen, es gab Luftschutzübungen und Sirenen. Wenn ich heute Sirenentests höre, löst das ein unerträgliches Gefühl in mir aus.»
Als der Krieg in der Ukraine begann, legte sich Talu einen Notfallplan zurecht. «Ich dachte mir: Wenn der Krieg hierherkommt, bringe ich meinen Sohn in Sicherheit. Ich will nicht, dass er als Kanonenfutter endet.» Mittlerweile habe sich ihre Angst zwar gelegt. Der Wunsch zu gehen, ist aber geblieben. «Diese ständige Instabilität und das Gefühl, dass man den Politikern nicht vertrauen kann, treiben die Menschen heute dazu, das Land zu verlassen.»
An Portugal habe sie gedacht, weil es dort warm sei – gut für ihre Arthritis. Oder Norwegen. «Es wäre ein Abenteuer. Ich glaube, genau das möchte ich: etwas Neues, etwas Spannendes erleben, etwas, das ich noch nicht kenne.»
Der Geschäftsmann

Urmas Soorumaa und sein Hund Bruno blicken zuversichtlich in die Zukunft.
Auch Urmas Soorumaa ging einst weg. Das war 1990. Das Ende der Sowjetunion zeichnete sich bereits ab, und die Grenzen zum Westen waren offener geworden. Soorumaa, der in der Sportabteilung der Sowjetarmee gedient hatte, arbeitete in Tallinn als Sicherheitsmann im Hotel Palace, wo westliche Politiker ein und aus gingen. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, den künftigen Präsidenten Estlands zu schützen, als Tausende prosowjetische Demonstranten den estnischen Regierungssitz auf dem Toompea-Hügel stürmten. In den freien Stunden unterrichtete er Sport, nachts fuhr er Taxi.
Von den Rezeptionisten und Reinigungskräften im Hotel hatte er gehört, dass man in Finnland in nur einem Monat das Doppelte eines estnischen Jahresgehalts verdienen konnte. Mit einem einzigen Job. Nachdem Estland 1991 seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, verlor es etwa 15 Prozent seiner Bevölkerung. Viele der Russinnen und Russen, die von der Sowjetführung in das Land umgesiedelt worden waren, kehrten in ihre alte Heimat zurück. Estinnen und Esten wanderten auf der Suche nach Arbeit nach Finnland aus. Soorumaa war einer von ihnen.
Jetzt sitzt er in einem Sitzungszimmer über den Dächern von Tallinn. Unten erstreckt sich das Rotermann-Quartier, ein ehemaliges Industrieviertel, das Soorumaa zu einem neuen Stadtzentrum umbauen liess. Er sagt: «Als ich in Finnland war, dachte ich mir: Urmas, jetzt gehst du nach Hause, konzentrierst dich auf einen Job und sorgst dafür, dass die Finnen künftig für dich arbeiten.»
Soorumaa mangelte es nicht an Geschäftsideen. Kaum in Tallinn, fuhr er wieder nach Finnland. Im Gepäck hatte er diesmal Flaschen mit Wodka, zurück kam er mit Gebrauchtwagen. Diese verkaufte er in der Heimat und importierte mit dem Geld Benzin aus Litauen. Soorumaa grinst breit, als er an die Zeit zurückdenkt. «Die Leute hier standen an der Tanke stundenlang für 20 Liter an – während ich drüben 30 000 Liter holte.»
In den vergangenen Jahrzehnten hat Soorumaa aus dem Nichts ein Geschäftsimperium im Wert von über 500 Millionen Euro aufgebaut. Neben einer Immobilienfirma gehören ihm ein Taxiunternehmen, ein Security-Anbieter, mehrere Fitnesszentren, eine Privatschule – und jene gelben Verkehrszeichen, die jeweils aufgestellt werden, wenn irgendwo gebaut wird. Und Soorumaa baut viel.
Angesichts der Weltlage drängt sich unweigerlich die Frage auf, wer in all die neu errichteten Wohnungen und Geschäftsräume einziehen soll.
Soorumaa hat gelernt, mit Unsicherheit zu leben. Die Nähe zu Russland hat sein Leben und sein Denken geprägt. In den neunziger Jahren stand er vor weitaus existenzielleren Fragen als heute. Die Geschichte hat ihn Gelassenheit und Resilienz gelehrt. Statt über die drohende Gefahr möchte er lieber über andere Dinge sprechen. «Die Russen sind unsere Nachbarn und gehen nirgendwohin», sagt er. Russland bröckle vielleicht im Inneren, doch ganz zerbrechen werde es wohl nie. «Wir müssen uns also einfach richtig positionieren.»
Doch genau mit dieser Positionierung sei es so eine Sache.
Soorumaa bekommt plötzlich einen Lachanfall. «Erinnern Sie sich an das Schiff der russischen Schattenflotte auf dem Meer? Die Finnen haben einfach ein Schiff angehalten und kontrolliert. Die Esten wollten das auch versuchen, aber als ein russisches Flugzeug auftauchte, sind sie sofort abgedreht!» Er kriegt sich kaum ein. «Oder als die Drohne im Osten Estlands in diesen Schornstein unseres Kraftwerks flog? Der Verantwortliche, der die Drohne stoppen sollte, hat schlichtweg den falschen Knopf gedrückt!»
Dann wird er wieder ernst. Der estnischen Regierung – deren Mitglieder er alle persönlich kenne – vertraue er kein bisschen. Aber: «Ich lebe nach der Philosophie, dass man das bekommt, wovor man sich fürchtet.» Russland sei das bestimmt nicht.
Vielleicht braucht es genau diesen sturen Optimismus und diesen waghalsigen Unternehmergeist, um an einem Ort wie Estland Erfolg zu haben.
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