Die Zugabe von Manfred Papst

Wie es in meiner Seele rappelt, klirrt und scheppert

Die Zugabe von Manfred Papst.

Manfred Papst04.10.2026, 05.30 Uhr

2 Leseminuten


«Hei, het das gscherbelet!»

«Hei, het das gscherbelet!»

Erik Skov / Getty

«Radazong!», rufe ich, «kabumm, alle Neune!» Denn jetzt ist schon wieder was runtergefallen. «Hei, het das gscherbelet!», würde der Kasperli sagen. Wie konnte das passieren? Ich hatte das blöde Ding doch gerade noch in der Hand! Bin ich jetzt schuld an dem Malheur? Ja und nein. Schliesslich habe ich die Schwerkraft nicht erfunden.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Was mir indes auffällt, nicht nur bei mir, sondern ganz allgemein: Es scheint ein tief im Menschen angelegtes Bedürfnis zu sein, aussersprachliche Schallereignisse im Augenblick, wo sie geschehen, sprachlich nachahmend zu begleiten, sie gleichsam kommentierend zu verstärken. Das geschieht nicht willentlich. Die Laute entfahren uns, ähnlich wie Schmerzensschreie und andere Unmutsbekundungen. Wir können nichts dafür – und noch viel weniger dagegen. Die Linguistik nennt diese Form der Lautnachahmung Onomatopoesie. Was für ein schönes Wort!

Das altgriechische Verb «onomatopoieîn», so lasse ich mir sagen, heisst «einen Namen prägen, benennen». Nichts anderes tun wir, wenn wir vom Rumpeln und Pumpeln sprechen, vom Rattern und Knattern, vom Tschilpen, Wiehern, Miauen, vom Krähen, Muhen und Blöken. «Kuckuck, kuckuck, ruft’s aus dem Wald»: Das ist der Cuculus canorus. Sogar auf Lateinisch heisst er so. Dass wir «autsch» schreien oder «huhu» machen, «ah» oder «oh» sagen, dass wir ächzen und stöhnen: Das ist der Anfang aller Poesie. Freilich können wir nicht alle Laute gleich gut nachahmen. Jede Sprache hat ihre eigenen begrenzten artikulatorischen Möglichkeiten. Deshalb sagen die Hähne auf Deutsch kikeriki, auf Französisch cocorico, auf Englisch cock-a-doodle-doo, auf Niederländisch kukeleku. Und natürlich sind wir auch einfach faul: Wenn wir uns als Sprachteilnehmer auf einen Begriff geeinigt und uns an ihn gewöhnt haben, denken wir, der tut’s doch, was sollen wir da genauer hinhören? Noch nie hat ein Hund «wau-wau» gesagt, wie wir im Deutschen behaupten; das französische «ouaf-ouaf» und das englische «woof-woof» kommen der Sache schon näher.

Onomatopoetisch, also lautmalerisch formulieren wir oft auch dort, wo es uns vielleicht nicht bewusst ist: Im Klatschen, Schnuppern und Schnorcheln stecken aussersprachliche Schallereignisse. Dichter wissen solche Dinge. Kinder sowieso. Deshalb sollten wir auch die Interjektionen der Comic-Sprache nicht verachten, die als Reverenz an die Micky-Maus-Übersetzerin Erika Fuchs so genannten Erikative: Keuch! Grins! Prassel! Quietsch! Stotter! Klirr! Schepper! Womit wir wieder beim Anfang wären: Was uns widerfährt, entfährt uns in Lauten. Eine Türe knallt, und wir sagen unwillkürlich «peng!», erschrocken vielleicht, verwundert auch, vor allem aber anerkennend.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

Passend zum Artikel

Die Zugabe von Manfred Papst

«Die Zugabe»: Manfred Papst über einen Begriff, der ganz viel meint.

Die Zugabe von Manfred Papst.