Zeitmesser
Wie mit der Oyster von Rolex die Zeitrechnung der modernen Armbanduhr begann
Das Uhrwerk wie eine Perle in einer Muschel, geschützt vor Staub und Feuchtigkeit – die Oyster war 1926 die erste industriell gefertigte, wasserdichte Armbanduhr
Markus Böhm
Wie sie sich wohl gefühlt haben muss? Die Kälte des Wassers, der Salzgeschmack im Mund, das Brennen in den Schultern, die unruhige Schwärze der See vor Augen. Mercedes Gleitze schwamm. Gegen Strömung, Erschöpfung und den Zweifel der Öffentlichkeit daran, dass sie es schon einmal geschafft hatte den Ärmelkanal zu durchqueren. Am Körper der Extremsportlerin, die sich Stunde um Stunde durch die Wellen arbeitete, befand sich eine kleine Uhr: eine Rolex Oyster.
Die 26-Jährige war im Oktober 1927 nicht angetreten, um eine neuartige Uhr zu bewerben. Aber so wie die gelernte Stenotypistin etwas beweisen wollte, dass sie den Ärmelkanal wirklich durchschwimmen und allen Strapazen trotzen kann, wollte Hans Wilsdorf, Gründer und Chef von Rolex beweisen, dass die 1926 lancierte Oyster – Auster auf Deutsch – dem nassen Element standhielt. Dass eine Armbanduhr nicht geschont werden müsse und dem Alltag ausgesetzt werden dürfe.
Und auch wenn Gleitze es letztendlich knapp nicht schaffte und nach zehn Stunden wegen widriger Bedingungen kurz vor der englischen Küste abbrechen musste, war die Sensation perfekt. Für die junge Frau und für die Uhrenmarke mit der Krone.
Bestechend einfache Utopie
In der Folge wurde daraus eine Geschichte, wie Rolex sie bis heute meisterhaft erzählt: die Uhr als Begleiterin von Leistung, Mut und Grenzerfahrung. Wobei Mercedes Gleitze nicht die einzige Pionierin bleiben sollte, der Wilsdorf und seine Nachfolger einen Zeitmesser mit auf ihre Abenteuer gaben.
Vor der Oyster musste sich die Armbanduhr erst legitimieren. Sie war praktisch, wurde aber lange nicht ernst genommen. Für viele Männer blieb sie ein Schmuckstück, ein "efiminiertes" Accessoire. Mann trug Taschenuhr. Rolex setzte früh dagegen. Mit der Behauptung, dass die Uhr ein Instrument sein konnte und nicht bloß eine Zierde des Handgelenks. 1914 formulierte Hans Wilsdorf, der Rolex 1905 gründete, den entscheidenden Satz, einen Auftrag: "Wir müssen einen Weg finden, eine wasserdichte Uhr zu bauen."
Man hört förmlich das technische Problem heraus. Eine Uhr, die Wasser, Staub und Feuchtigkeit trotzt, war in den frühen Jahren kein Standard, sondern noch Utopie. 1926 wurde diese Wirklichkeit. Mit der Oyster präsentierte Rolex eine wasserdichte Armbanduhr, deren Prinzip bestechend einfach wirkte: verschraubte Krone, verschraubter Boden, verschraubte Lünette. Das Uhrwerk lag darin wie eine Perle in einer Muschel, geschützt vor Feuchtigkeit, Staub und Schmutz. Auch ihr Name folgte dieser Logik – eine Metapher, die funktioniert, weil sie technisch und irgendwie auch romantisch ist. Heute meint man Oyster, wenn man von Rolex spricht, auch wenn das vielen nicht bewusst ist.
Status und Preisschild
Und sie gilt als Nukleus moderner Sport- und Toolwatches. Was dabei mitschwingt: Wer sie trägt, trägt die Vorstellung von Unverwüstlichkeit am Handgelenk. Ganz abgesehen davon, dass sie längst das Synonym für Status und Prestige ist. Irgendwo zwischen "Wer mit 50 keine Rolex hat, hat es in seinem Leben zu nichts gebracht" und "eine Rolex ist keine Uhr, sondern ein Preisschild an deinem Handgelenk." Der aktuelle Boss der Genfer Uhrenfirma, Jean-Frédéric Dufour, drückt es so aus: "Wir verkaufen Träume."
Egal wie man zur Marke steht und wofür sie steht, man muss neidlos anerkennen, dass das Unternehmen früh verstand, wie wichtig eine gute Erzählung ist, um technische Neuerungen zu bewerben. Marketing beherrschen die Genfer bis heute. Auch Mercedes Gleitze prangte bald nach ihrem Abenteuer als Anzeigen-Testimonial für die "unverwüstliche" Uhr auf dem Titelblatt. Dass sie im Badeanzug abgebildet war, sorgte gewiss für zusätzliches Aufsehen.
Marketing ist die eine Seite, das ehrliche Streben nach Perfektion, die andere. Man setzt auf technische Evolution. 1931 etwa folgte der automatische Aufzug, das Perpetual-System. Ein Rotor nutzte die Bewegung des Handgelenks, um die Uhr aufzuziehen. Auch das diente nicht nur dem Komfort, es passte ideal zur Logik der Oyster: Je seltener man die Krone bedienen muss, desto seltener öffnet man den empfindlichen Zugang zum geschützten Inneren. Teile und Know-how, etwa das Patent auf dem die Oyster basiert, kaufte man in den Anfängen zunächst zu. Heute entwickelt man selbst, bis hin zu speziellen Edelmetall-Legierungen, die in der hauseigenen Gießerei entstehen.
Widerspruch und irgendwie Ironie
Vergangenes Jahr präsentierte man gar ein neues Hemmungssystem ohne Anker, dafür komplett aus Silizium. Das Modell in dem es verbaut ist, die Land-Dweller, ist zwar noch jung, hat aber allein dank der langen Warteliste (noch so ein Rolex-Mythos) schon den Ruf eines "future classics". Ihre Vorgänger wie die Submariner, Archetyp der Taucheruhr, oder die Daytona haben den Ikonenstatus längst erreicht. Auch wenn sie anders gerufen werden und anders aussehen, sind sie Nachfahren der Ur-Auster und tragen immer noch die Oyster im Namen. Daran hat sich auch nach hundert Jahren nichts geändert.
Geblieben ist ein gewisser Widerspruch. Ausgelegt für den Alltag, verschwindet eine Rolex nur allzu oft in einem Tresor. Die Uhr, die ursprünglich beweisen sollte, dass sie ins echte Leben gehört, ist heute oft zu wertvoll, um sorglos getragen zu werden. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Mercedes Gleitze übrigens brach mehrere Rekorde, schwamm als erster Mensch von Europa nach Afrika und ist noch heute, weit über ihren Tod 1981 hinaus, das historisch bedeutendste Testimonial für die wichtigste Perle in der Rolex-Krone. (Markus Böhm, 4.8.2026)
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