Zeppelin kreist tagelang über NRW – Luftschiff hat eine besondere Mission

Stand: 03.08.2026, 19:30 Uhr

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Seit dem 3. August fliegt ein Zeppelin NT für das Forschungszentrum Jülich über NRW. Er sammelt in nur 100 bis 300 Metern Höhe Daten über Städte und Wälder. Ein Detail der Messmethode ist europaweit neu.

Jülich – Wer in den kommenden Tagen den Blick gen Himmel richtet, könnte sich verwundert die Augen reiben: Über Nordrhein-Westfalen dreht ein Zeppelin seine Runden – und das nicht nur für ein paar Stunden. Seit dem 3. August ist das Luftschiff im Rahmen der zweiwöchigen Messkampagne „CC-FLUX“ des Forschungszentrums Jülich unterwegs, noch bis zum 17. August. Gestartet wird vom Luftschiffhangar am Flughafen Essen/Mülheim aus, von wo aus ein Zeppelin NT als fliegende Forschungsplattform für hochpräzise Atmosphärenmessungen eingesetzt wird. Je nach Wetter sind bis zu zehn Flüge geplant, jeder davon rund sieben Stunden lang .

Start Zeppelin-Messkampagne Forschungszentrum Jülich

Ein rot-weißer Noseboom, ein Ausleger mit Sensoren, ist an der Gondel des Zeppelins montiert. © Federico Gambarini/dpa

Hinter dem ungewöhnlichen Anblick steckt ernsthafte Wissenschaft. Ziel der Kampagne ist es, neue Messverfahren zu erproben und gleichzeitig Antworten auf drängende Fragen des Klima- und Umweltschutzes zu finden – von der Luftqualität in Städten bis zur Gesundheit der Wälder. „Der Zeppelin bietet uns Möglichkeiten, die andere Forschungsplattformen nur eingeschränkt bieten können“, erklärt Jun.-Prof. Dr. Eva Pfannerstill vom Institute of Climate and Energy Systems – Troposphäre (ICE-3) am Forschungszentrum Jülich. „Durch seine langsame und stabile Flugweise können wir hochpräzise Messungen in niedriger Flughöhe durchführen und Gebiete gezielt überfliegen.“

Köln, Ruhrgebiet, Eifel: Zeppelin fliegt Routen nach Wetterlage

Ganz konkret geht es dabei um sogenannte Flussmessungen: Erstmals werden mit einem Zeppelin NT direkte Austauschraten flüchtiger organischer Verbindungen (VOC) zwischen Erdoberfläche und Atmosphäre über Städten und Wäldern gemessen. Der Vorteil gegenüber reinen Konzentrationsmessungen ist groß, denn diese können Emission, Aufnahme durch Böden und Vegetation, Chemie und Transport der Stoffe nicht voneinander trennen. Solche Messungen aus der Luft sind weltweit äußerst selten – eine europäische Messkampagne über Stadt- und Waldgebieten mit dieser Methodik gab es nach Angaben des Forschungszentrums bislang nicht. Möglich macht das die besondere Bauweise des Zeppelins: Mit einer Fluggeschwindigkeit von rund 65 km/h und einer Flughöhe von nur 100 bis 300 Metern erreicht er eine räumliche Auflösung von etwa ein bis zwei Kilometern und kann so kleinräumige Emissionsquellen präzise erfassen.

Die geplanten Flugrouten führen über die Metropolregion Rhein-Ruhr mit Köln, Düsseldorf, Bonn und dem Ruhrgebiet, über Industriekorridore sowie über Wälder in der Eifel, im Bergischen Land und im Königsforst – bis hin zu einem Messturm im niederländischen Loobos. Feste Zeitpläne gibt es dabei aber nicht, wie eine Sprecherin des Forschungszentrums Jülich gegenüber wa.de betont: „Da die Flüge sehr wetterabhängig sind, gibt es keine konkreten Zeitpläne. Es wird immer am Tag selbst erst entschieden, ob und wohin ein Flug möglich ist. Die Wissenschaftler vermuten aber, dass ein Flug über Köln morgen (Dienstag, 4. August) sehr wahrscheinlich ist.“

An Bord ist dafür ein umfangreiches Instrumentenpaket im Einsatz: ein Vocus-PTR-Massenspektrometer, das VOC-Flüsse zehnmal pro Sekunde misst, Geräte zur Messung von Stickoxiden, Ozon, Ammoniak, Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Methan und Lachgas, ein Instrument zur Erfassung der gesamten Reaktivität der Luft sowie nach unten gerichtete Kameras und Sensoren, die Wärmebilder, multispektrale Aufnahmen des Waldzustands und die Chlorophyll-Fluoreszenz von Pflanzen liefern.

Ergänzt werden die Flugmessungen durch ein dichtes Netz von Bodenmessungen: eine städtische Messstation in Köln, ICOS-Waldtürme in der Eifel und in Loobos, die Fernerkundungs-Supersite JOYCE in Jülich, das mobile Labor MobiLab, Luftqualitätssensoren auf Fahrrädern sowie Drohnenmessungen am Standort Sinthern. Hinzu kommt eine enge Verzahnung mit der parallel laufenden Kölner Grenzschicht-Kampagne VITAL-II – eine Kombination von Messmethoden, die es in dieser Form europaweit bislang nicht gab .

Zeppelin kreist über NRW – Forscher messen nahe am Boden

Konkret geht es bei der Kampagne um zwei große Forschungsfragen. Jun.-Prof. Dr. Eva Pfannerstill untersucht im Rahmen ihrer Helmholtz-Nachwuchsgruppe ClimStress, wie Umweltstress die Wechselwirkung zwischen Wald und Atmosphäre verändert. Dr. Georgios Gkatzelis widmet sich mit seinem ERC Starting Grant CHANEL derweil einem bislang wenig erforschten Bereich: Emissionen aus Städten, die nicht aus Verkehr oder Industrie stammen, sondern etwa aus Farben, Reinigungs- oder Körperpflegemitteln – Stoffe, die in offiziellen Emissionskatastern bislang nur unzureichend erfasst sind.

Ganz frei von Einschränkungen ist die Kampagne allerdings nicht: Geflogen wird nur tagsüber zwischen etwa 11 und 18 Uhr bei gut durchmischter Atmosphäre, sodass die Ergebnisse eine Momentaufnahme darstellen – rund um die Uhr messende Bodenstationen sollen diese Lücke schließen. Zudem ist die Kampagne wetterabhängig: Gewitter, starker Wind oder schlechte Sicht können Flüge verkürzen oder ausfallen lassen, bei großer Hitze sind zudem Flughöhe und Gerätebetrieb eingeschränkt.