Mazzone zum Hitzesommer: «Als Mutter mache ich mir Sorgen»

Zu Besuch bei der Grünen-Chefin Lisa Mazzone

«Als Mutter mache ich mir Sorgen»

Seit ihrer Kindheit verbringt Lisa Mazzone die Ferien im Familienhaus oberhalb des Walensees. Diesen Sommer erschrickt selbst die Präsidentin der Grünen: Der Bach versiegt, der Wald trocknet aus – und die Sorge um ihre Kinder wächst.

Publiziert: vor 40 Minuten

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft

  • Lisa Mazzone, Präsidentin der Grünen, macht Ferien in Amden SG
  • Sie kritisiert Umweltminister Rösti und fordert eine aktivere Klimapolitik
  • 2023: Grüne auf 9,8 % gefallen, nächster Wahlkampf 2027 geplant

Text Silvana DegondaFotos Thomas Buchwalder

Ein altes Holzhaus, versteckt hinter dem Wald: Seit einer Woche ist Lisa Mazzone, 38, hier oben in Amden SG. Ihr Urgrossvater hat das Haus vor fast 100 Jahren gebaut. Die Schindeln sind verwittert, der Blick reicht bis weit hinter den Rautispitz und den Mürtschenstock. Schon als kleines Mädchen verbrachte die heutige Präsidentin der Grünen in diesem Haus jedes Jahr ihre Ferien. Meistens im Sommer, manchmal im Winter. «Damals hatte es so viel Schnee, dass wir manchmal gar nicht aus der Türe kamen. Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei», sagt die Genferin. Sie sitzt auf der Terrasse mit einem Glas Wasser in der Hand. Ihre beiden Söhne Béla, 7, und Joscha, 5, rennen über die Wiese und verschwinden zwischen den Tannen im Wald neben dem Haus.

«Ferien hier fühlen sich ganz anders an. Frische Luft. Kein Lärm. Hier kann man richtig gut Energie tanken.» Und trotzdem lässt Lisa Mazzone die Politik nicht los. Sie erzählt von den berühmten Seerenbachfällen, ganz in der Nähe. Sie gehören zu den höchsten Wasserfällen Europas und locken jedes Jahr Tausende Touristen an. «Jetzt hat es fast kein Wasser. Das habe ich so noch nie gesehen», sagt sie. «Man spürt die Klimakrise diesen Sommer besonders stark. Das macht mir Sorgen.» Die Hitze verfolgt sie auch in den Ferien auf 1300 Metern über Meer. «Es ist ein Rekordsommer. Die Bäuerinnen und Bauern wissen ganz genau, was das bedeutet.» Sie zeigt hinter das Haus. «Der Wald ist so trocken. Wenn man nach Frankreich oder Spanien schaut, diese verheerenden Waldbrände – es ist nur Glück, dass uns das in der Schweiz bisher erspart geblieben ist.»


Sie macht sich nicht nur als Parteipräsidentin, sondern auch als Mutter Sorgen. Man müsse darauf achten, dass die Kinder genug trinken, nicht zu lange in der Sonne bleiben. «Sie spüren die Klimakrise.» In Genf, wo die Familie lebt, erklärte der Kanton die letzte Schulwoche vor den Sommerferien für freiwillig. Die Klassenzimmer waren zu heiss geworden. Lisa Mazzone schüttelt den Kopf, als sie erzählt. «Für viele arbeitende Eltern ist es nicht möglich, einfach eine Woche zu Hause zu bleiben, um auf die Kinder aufzupassen. So kann es doch nicht weitergehen.» Sie denkt dabei nicht nur an ihre Kinder, sondern auch an Grosseltern in aufgeheizten Wohnungen. «Für ältere Menschen wird schon das Einkaufen kompliziert. Diese Menschen müssen geschützt werden.» Ihre Forderungen sind konkret: mehr Bäume und Grünflächen in den Städten, besser isolierte Gebäude, Trinkwasser an Bahnhöfen, Schattenplätze, hitzetaugliche Schulen und Spitäler. Doch das kostet Geld. «Man kann damit anfangen, keine Autobahnen mehr zu bauen, die die Klimakrise noch befeuern. Da stehen schon Milliarden zur Verfügung.»

Ferien, aber keine Pause

Die beiden Söhne wollen eine Glace, bevor sie mit ihrem Papa in die Badi gehen. Lisa Mazzone ist mit Christoph Lenz zusammen, dem Co-Kommunikationschef des Departements von SP-Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider. Er und die Kinder bleiben noch etwas länger in Amden, die Mutter muss an diesem Abend wieder nach Genf, es stehen noch einige Termine an. Und wenns nach Mazzone ginge, müsste es ihr der ganze Bundesrat gleichmachen und die Ferien abbrechen. «Anstatt in klimatisierten Hotelzimmern zu sitzen, sollten sie jetzt handeln.»

Besonders hart geht sie mit Umweltminister Albert Rösti ins Gericht. Er sei «nicht fähig oder nicht bereit», die Bevölkerung vor den Folgen der Hitze zu schützen. Deshalb fordert sie, ihm das Umweltdepartement zu entziehen. «Er setzt weiter auf Autobahnen, trotz des Neins der Bevölkerung. Er setzt auf ein ruinöses AKW-Revival.» Für sie ist klar: «Albert Rösti ist Lobby-nah und bremst die Klimapolitik.» Eine Reaktion auf ihre scharfe Kritik hat sie vom SVP-Bundesrat nicht erhalten.

Der grüne Röstigraben

Vor zwei Jahren verlor die Genferin ihren Sitz im Ständerat. Somit ist Lisa Mazzone die einzige Parteipräsidentin, die nicht im Parlament in Bern sitzt. «Der Vorteil ist, dass ich mehr Zeit habe für Basisarbeit in den Regionen.» Sie besucht Ortsparteien, sammelt Unterschriften, spricht mit Freiwilligen. «Man bekommt ein Gespür, wie die Leute ticken – in der Romandie, in der Deutschschweiz, im Tessin.» Der Nachteil sei offensichtlich: «Ich kann im Parlament nicht direkt etwas bewegen.» Die Deutschschweiz beschäftigt sie besonders. Nicht nur politisch. Ihre Grossmutter stammt aus St. Gallen, ihr Partner kommt aus Schaff hausen und spricht Schweizerdeutsch mit den beiden Söhnen. Sie selbst hat einen Deutschkurs besucht. «Ich bin die Präsidentin für die ganze Schweiz», sagt sie. «Es ist extrem wichtig, die Deutschschweiz zu verstehen.» In der Romandie sehe Umweltpolitik oft anders aus. «Grün sein ist auch mit Geniessen verbunden. Mit gutem Essen, guten Produkten und Lebensqualität. Das kommt in der Deutschschweiz zu kurz.»

2023 stürzen die Grünen von 13,2 auf 9,8 Prozent Wähleranteil ab. Lisa Mazzone sagt: «Aber es war dennoch das zweitbeste Resultat der Grünen. Es gehört zur Geschichte unserer Partei, dass wir Phasen haben, in denen wir besonders viel Aufmerksamkeit bekommen, und dann andere, in denen wir weniger bekommen.» Ob sie nächstes Jahr wieder für ein Parlamentsmandat kandidiert? Sie lässt die Frage offen. Auch, ob sie eines Tages als erste grüne Bundesrätin antreten möchte. «Jetzt bin ich Präsidentin der Grünen», sagt sie. Ein Bundesratssitz für die Grünen bleibe zwar Anspruch der Partei. Aber heute denkt sie zuerst an den nächsten Wahlkampf im Jahr 2027.