Stand: 24.10.2026, 18:00 Uhr
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In La Paz begegnet Nele Rutenberg (19) aus Freising den Lebensrealitäten der Schuhputzenden, entdeckt die Kultur Boliviens und wächst an den Begegnungen.
Freising/La Paz – Ich laufe mit meinem grünen VAMOS JUNTOS-Rucksack durch die Straßen von La Paz auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz. Meine Haare sind kürzer, inzwischen haben wir eine Lieblingsbäckerei, in der wir uns jeden Morgen Kuchen für die Mittagspause kaufen, und haben uns dadurch mit der Verkäuferin angefreundet. Endlich kann ich mir das Wort „dinero“ merken, weiß, welche Autobusse ich nehmen muss, und lerne sympathische Bolivianer kennen. Natürlich mache ich immer noch Fehler – vor allem auf Spanisch und beim Salsa –, aber ich sehe meine Fortschritte.
Donnerstags trägt sie dunkelrot
Was sich aber nicht verändert hat, ist, dass ich Aufregung verspüre und Respekt für meine Aufgabe habe. Die Vormittage verbringe ich mit „Trabajo en la Calle“, also Arbeit auf der Straße. Ich gehe in die Sektoren, die mir zugeteilt wurden. Die Schuhputzenden haben sich selbst in Sektoren eingeteilt, die sich durch ihre Gebiete und Kleidung auszeichnen. Deshalb habe ich donnerstags dunkelrot an, weil ich weiß, wie sich die Schuhputzenden aus Héroes freuen, wenn ich „ihre“ Farbe trage.
Ich packe mein Banquito – hier werden viele Worte verniedlicht –, also mein kleines Bänkchen, aus, um so auf Augenhöhe mit den Schuhputzenden zu sitzen. Unser Gespräch spannt sich von Small Talk über Wetter und das vergangene Wochenende, welches Essen ich schon probiert habe und neue Wörter in Aymara (eine der 36 offiziell anerkannten indigenen Sprachen Boliviens) bis zu Geschichten über ihre aktuelle Situation. Die ist häufig auch verbunden mit Familien- oder Geldproblemen. Manchmal fällt es mir schwer, mich in ihre Situationen hineinzuversetzen, zu wissen, wie ich beistehen kann. Manchmal fehlen mir die richtigen Worte. Mir wird bewusst, wie unterschiedlich unsere Lebensrealitäten sind und dass ich vieles nicht aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann. Diese Begegnungen machen mir immer wieder bewusst, wie unterschiedlich unsere Lebensbedingungen und Möglichkeiten sind – und wie vieles ich bisher als selbstverständlich angesehen habe.

Genauso ist es für mich ungewohnt, dass die Müllabfuhr mit einer Klimpermusik durch die Straßen fährt. Generell ist die Stadt sehr laut, denn von allen Seiten wird lautstark für Produkte geworben und die Autobusse hupen um die Wette.
Obwohl ich aufgeregt bin, komme ich immer stolz und glücklich von der Straße zurück. Viele der Schuhputzenden sind so interessiert, offen und fröhlich. So wie Agustin, ein Teil der VAMOS-JUNTOS-Gruppe „adultos mayores“, die sich selbst liebevoll „Jovenes del Ayer“ (Jugendliche von gestern) nennen. Er weist mich jedes Mal darauf hin, wie schön das Leben ist und dass ich optimistisch bleiben soll.
Auf dem Markt wird die Lebendigkeit des Landes spürbar
Der Alltag hier macht mir das aber auch einfach: Ich wandere mit Freundinnen und Freunden auf meinen ersten 5000er, fahre Boot auf dem Titicacasee und bestaune die beeindruckende Natur. Außerdem erlebe ich die Herzlichkeit der Menschen, wenn wir zum Essen nach Hause eingeladen werden und bei kurzen Begegnungen auf der Straße. Zusätzlich spüre ich die Lebendigkeit des Landes, wenn wir uns über den Markt 16 de Julio in El Alto schlängeln, einen der größten Märkte Lateinamerikas, oder auf einer bolivianischen Hochzeit mitfeiern.

Zu Beginn begrüßen wir das Hochzeitskomitee (Brautpaar, ihre Eltern und Paten) mit dem Satz „Felicidades que sea en buena hora“ (auf Deutsch in etwa: Herzlichen Glückwunsch, möge es unter einem guten Stern stehen) und mit einer Handvoll Konfetti auf deren Köpfen. Wir bekommen einen Shot und Bier und ehren durch einen kleinen Schluck auf den Boden „Pachamama“ (die Mutter Erde). Danach bedankt sich das Hochzeitskomitee bei uns, wir werden ebenfalls mit Konfetti beschmückt und mit einem Stück Hochzeitstorte ausgestattet. Auf der Tanzfläche wird viel getanzt und getrunken. So finden wir uns dabei wieder, dass wir mit allen zusammen traditionelle bolivianische Tänze tanzen und ich mich Hand in Hand mit einer Bolivianerin in meinem dunkelblauen Kleid drehe.
Am Donnerstag werde ich aber wieder dunkelrot tragen, denn dann gehe ich wieder in den Sektor Héroes.
Nele Rutenberg
Die 19-Jährige aus Freising absolviert seit August einen neunmonatigen Freiwilligendienst in Bolivien und berichtet regelmäßig von ihren Erlebnissen vor Ort.